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Kolossale Chose:
Franz Josef Degenhardt ist tot PDF Drucken

 Am 14. November 2011, um 15 Uhr, verstarb der Schriftsteller und Liedermacher Franz Josef Degenhardt, wenige Wochen vor seinem 80sten Geburtstag im Kreis seiner Familie. Degenhardt, der seit längerem erkrankt war, schlief nach Angaben seines Sohnes Kai friedlich ein.

Eine soeben begonnene Gesamtausgabe (Verlag kulturmaschinen) wird Franz Josef Degenhardts Schriften und Lieder für viele folgende Generationen bewahren.

Familie, Freunde und Kollegen hatten sich mit umfassenden Maßnahmen auf Degenhardts bevorstehenden 80. Geburtstag vorbereitet. Der Verlag Kulturmaschinen legte sein literarisches Gesamtwerk neu auf, bei Universal ist eine 4-CD-Werkschau in Arbeit und für den 19. Dezember planen Liedermacher-Kollegen ein großes Geburtstagskonzert im Berliner Ensemble - welches nun zum Abschiedskonzert wird.

 degenhardt fotowebswFranz Josef Degenhardt: Presente!

Seit 1963 seine erste Schallplatte "Zwischen Null Uhr Null und Mitternacht", die später Rumpelstilzchen heißt, erschien, gehörte Franz Josef Degenhardt zu den prägenden Lyrikern und Liedermachern der Bundesrepublik. „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ wurde sein bekanntestes Lied. Der „Deutsche Sonntag“ spiegelte die ganze schreckliche Gemütlichkeit deutscher Kleinstädte.

Zweiunddreißig Tonträger hat Franz Josef Degenhardt herausgebracht. Und keines seiner Lieder büßte Aktualität ein. Sein großes dichterisches Können, die Bilder, die er uns schrieb, seine tiefe persönliche und glaubhafte Verwurzelung im Kampf und Freiheit und gegen die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, machen aus seinem lyrisch-musikalischem Werk ein Werk von dauerhaftem Bestand.

Seine Romane, von denen Zündschnüre und Brandstellen mit großem Publikumserfolg verfilmt wurden, zeigen uns den hochbegabten Literaten Degenhardt. Mit seinen exakten Mileuschilderungen, mit dem Verzicht, sich auf die Innenbilder bürgerlicher Literatur zu kaprizieren, schaffen seine Bücher es, den Leser in die Lebenswirklichkeit der literarischen Landschaften zu ziehen, die der Schriftsteller Franz Josef Degenhardt geschaffen hat.

Franz Josef Degenhardt wurde am 3. Dezember 1931 in Schwelm geboren. Er studierte in Köln und Freiburg Rechtswissenschaften. Ende der sechziger Jahre verteidigte Degenhardt Sozialdemokraten und Kommunisten, die wegen Aktionen der APO (Außerparlamentarische Opposition) angeklagt waren. In die SPD war Degenhardt 1961 eingetreten. Er wurde 1971 aus der SPD ausgeschlossen, weil er in Schleswig-Holstein zur Wahl er DKP aufgerufen hatte. 1978 trat er der DKP bei.

Franz Josef Degenhardt starb am 14. November 2011 um 15 Uhr im Kreise seiner Familie in Schleswig-Holstein.

Wir trauern mit seiner Familie und seinen vielen Freunden um ihn.

Wir sind stolz darauf, von ihm ausgewählt worden zu sein, sein belletristisches und lyrisches Werk zu bewahren.

Verlagsleitung und Mitarbeiter des Kulturmaschinen Verlages

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"Aus meiner Sicht war Franz Josef Degenhardt nicht nur der Altmeister des politischen Liedes und ein wunderbarer Schriftsteller: ich halte ihn für einen der bedeutendsten Poeten der deutschen Nachkriegsgeschichte."
Konstantin Wecker

 


 

 "Der Degenhardt, den ich zuerst kennengelernt habe, war der Degenhardt der 90er Jahre. Von da aus habe ich mich nach hinten gearbeitet, durch seine Lieder und Romane. Jetzt ist er tot, aber viele werden dafür sorgen, sein großartiges Werk in der Zukunft zu verankern."
Prinz Chaos II.

 


 

 "Die Schmuddelkinder hießen in meiner Kindheit Mohrrübenkinder, weil meine Mutter meinte, dass sie aussähen, als ob sie gerade aus der Erde gezogen worden seien. Wir haben heimlich mit ihnen gespielt. Mach´s gut, lieber Karratsch. Wir werden Dich vermissen."
Ralf Sotscheck

 


 

 "Franz Josef Degenhardts Liedkunst hat der mitteleuropäischen Sangeskunst einen neuen Klang geschenkt, einen Inhalt beschert, wie er zuvor nicht da war. Wir alle habens goutiert und trauern um ihn. Er bechert goldene Ewigkeit!"
Hein und Oss Kröher

 


 

"Vor diesem Tag hatte ich seit Jahren Angst. Seit ich wusste, wie krank er ist, dachte ich: Was soll werden ohne ihn? Mit zwölf, dreizehn Jahren habe ich zum ersten Mal seine Lieder gehört – und dann mein Leben lang. Er hat mich erzogen. Kein Tag vergeht, ohne dass ich an eine seiner Zeilen, an eines seiner Bilder, an irgendeine Degenhardt-Formulierung denke. Kein Tag, manchmal keine Stunde. Die Welt ist bevölkert mit seinen Figuren. Jetzt ist auch über dieser Comédie Humaine der Vorhang gefallen. Was soll nur werden?"
Jan Seghers

 


 

 "Zum Tod des Dichters und Sängers von den Schmuddelkindern
Heute wollte ich den Glückwunsch zum 80. Geburtstag Franz Josef Degenhardts schreiben, der wäre am 3. Dezember gewesen. Gestern erinnerte ich mich seiner Lieder, stellte Verbindungslinien her, meinte, ich sollte Franz Josef sagen: Du hättest einen Platz „in der Oberstadt“ einnehmen können, hast Dich aber denen in der Unterstadt angeschlossen, hast ihre, der Schmuddelkinder Lieder nicht nur laut und vernehmlich gesungen sondern sie auch selbst geschaffen! Du gehörst mit Deinen Worten und Tönen  der antifaschistisch-demokratischen, der antiimperialistischen Kultur unseres Volkes an. Du standest – ich möchte aber mit diesem Lob niemanden verletzen -, an deren Spitze. Und nun muss ich ein Dir ein Nachruf schreiben.
Ich suchte heraus das brandaktuelle Tonio Schiavo, die Warnung, sie ist heute nicht so aktuell wie zur Zeit des Entstehens: Die Ballade von Joss Fritz. Oder das Lied von der prächtigen Mutter Mathilde und der nicht weniger prächtigen  Natalia  Speckenbach. Ja, auch den Huren hast Du Lob gespendet, die mit ihren nackten… den CIA-Kerlen ins Gesicht sprangen, wenn sie nach US-Soldaten suchten, die sich dem Krieg gegen Vietnam entziehen wollten. Den deutschen Spießen und seinen Sonntag hast Du ebenso treffend gekennzeichnet, wie den salbungsvoll das Lied der Sparsamkeit predigenden Senator. An den Typus des schmierigen Lumpenproletariers, Botho der Rote habe mich nach 1989 gar manches Mal erinnert.  Aber Du kanntest sie auch, die Fröhlichkeit am Tisch unter`m  Pflaumenbaum und die Nachdenklichkeit, die sich in unsere schönen Träume geschlichen hat. Die Anklage der Mörder, ihrer Sprache folgte, dass dies auch die Sprache von Angela Davis und Martin Luther King ist. Primitiver  Anti-Amerikanismus konnte also bei Dir keine Nahrung finden. Und dann war da der Narrenzug der Prediger von Freedom und Democracy und das von Deiner Schwester dazu gemalte Bild, das bei Gerd Deumlich, Deinem, unserem Freund und Genossen im Zimmer hängt.
Dein  Lied, Dein Wort ging weit über unsere Reihen  hinaus, bis hinein in die kleinbürgerliche und humanistische bürgerliche Intelligenz. Mancher wird, verließ er eine Deiner Veranstaltungen, sich von Dir angesteckt, gesagt haben, eigentlich, ja, eigentlich müsste man ja etwas tun…
Nun ist er tot, unser Freund und Genosse, aber uns bleiben seine Schallplatten und nun seine Romane, die der Kulturmaschinen-Verlag Berlin neu herausbringt, um uns seiner zu erinnern, aber auch, um daraus Mahnung und Kraft zu schöpfen. Die werden wir sehr brauchen – wie auch jenen langen Atem, dem Du in der Ballade vom Joss Fritz ein Künstlertisches Denkmal gesetzt hast."
Robert Steigerwald

 


 

 "Franz Josef Dgenhardt hat mit seinem Werk das Lebensgefühl einer ganzen Generation geprägt. Mehr kann ein Liedermacher und Romancier sich kaum wünschen. Der Nobelpreis wäre da angemessen"
Dietrich Kittner

 


 

"Erst Chotjewitz, dann Degenhardt. Mußte das sein, Franz? Daß die Großen der Generation, gezielt in Vergessenheit gebracht, uns vorausgehen? Wollt Ihr für uns Quartier machen, drüben?"
Hermann Peter Piwitt

 


 

 Des Karatsch' neue Garden
Narren, Prinzen, junge Barden,
des Karatsch' neue Garden,
in Nord und Süd sind aufgestellt,
auf dass Schmuddelkinder Banden gründen,
dass mehr noch sich dazu gesellt,
nämlich alle, die nun finden,
"Rührt euch!" ist die einz'ge Order,
der sie unterstehen.
Vater Karatsch kann ruhig gehen,
wohin er will, auch über Borde,
denn wer seine Worte hört und liest,
wird in die Pflicht genommen.
Der Karatsch wird nicht wiederkommen,
Weil er nie fortgewesen ist.
Nellie Nickel

 


 

"1. Historischer Optimismus-Rest: Die Zahl derer, die man in ferner Zukunft erforschen wird, mit oder ohne zugeschossene Drittmittel, ist in meiner Phantasie gering. Franz Josef Degenhardt, wenn die Welt nicht völlig und endgültig verblödet, wird zu ihnen gehören. Es kann, hoffe ich, die Bewunderung der Fähigkeit, in einer Zeile auf den Begriff zu bringen, was andere seitenlang nicht auszudrücken vermögen, nicht einfach erlöschen.

2. Zunächst, weil der kalte Krieg nicht beendet ist oder nie endet, wird die Mehrheit der „Degenhardt-Forscher" den Künstler und Lyriker vom Kommunisten zu trennen wissen. Ungefähr so, wie man es mit Sartre macht: großer Künstler, tapfer engagiert ... aber leider, welch Irrtum!, auch Weggefährte oder Mitglied der ganz falschen Partei. Man wird, wegen der Drittmittel oder aus anderen Gründen, das Werk ins „Unvergängliche" und bestenfalls „Den Zeitumständen geschuldet" spalten. Das ist in erster Linie niederträchtig und gemein – und in zweiter Linie auch, wo nicht antikommunistisch motiviert, ein bisschen wahr.

Ich selbst erinnere mich ja, wir wir in unsrer ersten WG, ich werde da achtzehn gewesen sein, inbrünstig intonierten: ZWISCHENTÖNE SIND BLOSS KRAMPF - IM KLASSENKAMPF" (so hat – ich scherze – Franz Josef Degenhardt sensible und feinfühlige junge Menschen zu Undifferenziertheit und Klassenhass verführt.)

3. Wer Adornos These zustimmt - „In Deutschland läuft vielfach das Engagement auf Geblök hinaus, auf das, was alle sagen, oder wenigsten latent alle gern hören möchten." - der darf neben dem Vielfachen das Seltene suchen. Fündig wird man dann bei Franz Josef, der die goldene Regel der unverbrüchlichen Zusammengehörigkeit von Demo, Volks- und Pressefest mit miesem Liedgut außer Kraft zu setzen verstand."
Thomas Ebermann

 


 

LINKE LISTE
für Degenhardt

Komm, Väterchen Franz, sag, spielst du noch auf am Tisch unterm Pflaumenbaum
Nimmt dieses Leben auch so seinen Lauf, ohne uns und unsern Traum
Ragen sie schon in den Himmel hinauf, die Mauern aus Dummheit und Hass
Was nahmen wir nicht schon alles in Kauf und wussten manchmal nicht für was
Für unsre Sache, unsre Sache

Was ist aus Joß Fritz geworden, seitdem die Saat aufging, die er gesät
Jetzt, da wir die Ernte verdorben, ist's nun zu früh oder doch schon zu spät
In welchem Kleid zieht er heute durchs Land, redet und organisiert
Knüpft noch das Bündnis und wirbt Kopf und Hand, bis mancher sympathisiert
Mit unsrer Sache, unsrer Sache

Sag, August der Schäfer, ist noch auf der Hut und hört noch & warnt noch & schreit
Gefriert ihm noch heut in den Adern das Blut beim Fraßlied aus früherer Zeit
Wenn es die Wölfe heuln, mitten im Mai, ist es schon wieder so weit
Und viele hören nicht hin, sehn vorbei, und wissen doch alle bescheid
Und unsre Sache, unsre Sache

Sag, hast du von Rudi Schulte gehört, hat der noch die Reise gemacht
Durch jenes Rote Drittel der Welt, das war nicht so, wie er's gedacht
Steht der noch auf mit dem Wecker zur Schicht, und ist noch die Zeit Tag für Tag
Kampf und manchmal auch nachts, aber schlicht, nicht wie man Helden so mag
Für unsre Sache, unsre Sache

Die Kneipe von Mutter Mathilde, sag an, steht noch vis á vis der Fabrik
Gibt Schnaps und Bouletten noch, Bier aus'm Hahn, und nebenan gibt's Politik
Sag, kennst du die Leute, die heute dort sind, sind Junge und Alte dabei
Bei Mutter Mathilde, was weht für ein Wind, macht Lungen und Hirne noch frei
Für unsre Sache, unsre Sache

Komm, Väterchen Franz, wir spieln noch mal auf am Tisch unterm Pflaumenbaum
Was nähme dies Leben denn für einen Lauf, ohne uns und unsern Traum
Schon ragen sie in den Himmel hinauf, die Mauern aus Dummheit und Haß
Was nehmen wir nicht noch alles in Kauf und wissen doch wieder für was
Für unsre Sache, unsre Sache
Frank Viehweg © 1990

 


Franz Josef Degenhardt war ganz früher in der SPD. Republikanischer Anwalt. Die süffisant-subtile Zensur, gepanzert mit brutalem Antikommunismus, trieb ihn immer weiter nach links. Er stellte Fragen, selbst dort, wo Fragenstellen verboten schien. Und sang auch gegen die Instrumentierer des Prager Frühlings: „Die sagen ‚das goldene Prag'./Und wenn die Gold sagen,/meinen die Gold".

Die stillen Heldinnen und Helden des entschiedenen Teils der Arbeiterbewegung waren sein neues Deutschland. Der Kommunist Rudi Schulte, die Mutter Mathilde, die Natascha Speckenbach.

Schräge Vögel, wie sie seine Schwägerin Gertrude Degenhardt für viele seiner Plattencover zeichnete, waren die Zwischenwelt zwischen den niederträchtigen Exekutoren des Posthitlerismus und den roten Lichtgestalten, deren Schwächen er keineswegs ausblendete, um dem Realismus die größte methodische Dimension zu erhalten: die Dialektik.

Franz Josef Degenhardt
Einer der größten Erzähler von der Räudigkeit in diesem Deutschebankstaat.
Von der Menschenliebe der Kapitalfeinde.
Adieu, Karratsch (das nannte er seinen „nom de guerre")
Diether Dehm (früher Lerryn)


 FJD hinterhergeheult

Du bist für mich der Degen-
der Gegen-FJS
gewesen
vor mir gegangen
in Bild und Ton
Du hast uns früh
nicht nur vor Bild gewarnt
den eigen Kopf
gestärkt, gestützt und so geschützt
und jetzt
versucht die ARD
das ZDF
ganz öffentlich Unrechtlich
Dir Deinen guten alten Biss
zu nehmen
und reduziert Dich
auf das Bonsai-Väterchen
das uns auf seinem Haarkamm blies
und sonst den Moloch Kaput Baal in Ruhe lies
So hätten sie’s
und dich ganz gern
und Dich den lange noch nicht Toten
mit ihren Hirnab-Ausschalt-Quoten
erpresst, gedreht
gezähmt
gehabt und FJD als Endlosschleife
durch ihre Daily-Brain-Wash-Soaps geschleift
dabei warst Du und bist es immer noch
PT aus Arizona
der aus Milda, Diesa oder Jena-Zona

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Hartmut Barth-Engelbart


 Wir haben einen Zaunkönig singen gehört
Franz-Josef Degenhardt, Karatsch, schrieb und sang gegen den Mief der Bonner und gegen den Triumphalismus der Berliner Republik, gegen Spießertum, Antikommunismus, Rassismus. Der Preis, den er entrichtete, war hoch; die Öffentlich-Rechtlichen, die Kommerziellen ohnehin, die großen Massenmedien verurteilten ihn zum Verschweigen. In den Musik-Archiven des Norddeutschen Rundfunks befanden sich noch Karteikarten mit der Anweisung: Bevor ein Llied von FJD gespielt wird, sei Erlaubnis von oben einzuholen.Aber  Karatsch war und ist nicht zu verschweigen. Er drückt das aus, was inzwischen nicht nur eine, sondern mehrere Generationen von Widerständigen sagen wollen, er stärkt ihnen den Rücken und öffnet ihnen neue Horizonte. Das gilt auch für uns. Kein Liedermacher, kein Schriftsteller hat unser Leben so intensiv begleitet wie Karatsch. Wir sind ihm unendlich dankbar und zürnen dem Kleingeist. .
Christiane Reymann
Wolfgang Gehrcke
MdB DIE LINKE


"Er war ein kluger Dichter und Sänger und hat den Menschen, die seine Lieder hören und seine Texte lesen, Freude gemacht und sie etwas gelehrt. Wer kann mehr und besseres Bewirken? "
Bernd F. Lunkewitz



 

"Franz Josef Degenhardt, Du hast uns viel gegeben."
Dota (Kleingeldprinzessin)

 


"Meine Frau Shirley und ich lernten Franz-Josef Degenhardt kennen, als wir in den Sechzigern gemeinsam mit vielen anderen Künstlern eine Fernsehsendung für den SFB gemacht haben. Wir haben uns von Anfang an sehr gut verstanden und sind schnell Freunde geworden. Ich habe sogar einmal für etwa eine Woche ein Zimmer mit Karatsch geteilt, und wir haben uns lange auf englisch unterhalten, da ich damals noch kein Wort Deutsch konnte. Durch Karatsch haben Shirley und ich einen achtzehn Monate andauernden Gig im Württembergischen Staatstheater in Stuttgart bekommen - er hatte deutsche Liedtexte für ein ursprünglich englisches Theaterstück geschrieben, und ich die dazugehörigen Melodien. Shirley und ich haben die 23 Lieder auch auf der Bühne gesungen - und dadurch langsam Deutsch gelernt.
Wir kannten uns ungefähr 47 Jahre, haben mehrfach miteinander bei Konzerten und/oder Festivals gespielt, und unsere Familien haben sich näher kennengelernt, unheimlich gemocht und neben viel gemeinsamen Spaß haben wir auch oft sehr ernste Diskussionen über Politik geführt und versucht, die Welt - auf unsere Weise - in Ordnung zu bringen. Karatsch war ein wunderbarer, sehr wichtiger deutscher Liedermacher und Denker, viel mehr war er aber mein und unser lieber Freund, und als solchen werden Shirley. Vincent und ich ihn schmerzlich vermissen. "
Colin Wilkie

"In jedes Ghetto einen Pflaumenbaum.
In jede Vorstadt den gleichen Traum.
Im Nebel seh'n wir sie Kreise zieh'n.
Nie kommt der Mai, wenn wir der Wölfe flieh'n.
Unterm Galgen schaukelt Villon im Wind.
Und graue Notare lächeln lind.

Nicht jeder der stirbt, fällt in den Tod.
Verwoben das Werk mit Freude und Not.

In jedes Ghetto den gleichen Traum.
In jede Vorstadt 'nen Pflaumenbaum.
Die Wölfe woll'n wir verrecken seh'n.
Wir wollen nie wieder im Kreise geh'n.
Unterm Galgen lächelt Villon so lind
und graue Notare schaukeln im Wind."
Leander Sukov

"Anfang der 70er Jahre, nach Auseinandersetzungen mit der Polizei, griffen wir manchmal auf die Mut machende Drohung zurück: Wir verlangen sofort mit Anwalt Degenhardt zu sprechen! Es sollte Eindruck machen auf die Gegenseite und unsere Lage verstärken. Es war der Wunsch nach Stärke und geschlossenen Reihen, nach Solidarität und gemeinsamem Kampf gegen die Niedertracht des Systems. Zur anwaltlichen Vertretung durch ihn kam es nie.
Als die Verteidigung real notwendig wurde, trafen wir in der Anwaltssozietät, die zuerst vor allem durch seinen Namen bedeutsam war, auf seine Kollegen. Auch sie – die Meisten von ihnen - haben uns damals gut und solidarisch zur Seite gestanden. Aber Franz Josef Degenhardt war immer mehr. Er war sozial und politisch identifizierbar, eine Stimme für die, die unten waren in der Gesellschaft, keine Rolle, ein real Verbundener mit seinen Liedern, seinen Romanen und seiner Solidarität. Franz Josef Degenhardt ist tot. Das geschieht irgendwann jedem. Seine Stimme bleibt. Das gilt nur für wenige. Wir spielen lieber mit den Schmuddelkindern."

Karl-Heinz Dellwo, LAIKA-Verlag Hamburg

"Er hat uns begleitet vom Aufbruch Mitte der sechziger Jahre, durch die Jahre der Revolte, die Erfahrung unserer Niederlagen bis heute. Väterchen Franz, der Genosse dessen Lieder und Texte nicht nur Agitation sondern auch Poesie und Wärmestrom vermittelten, blieb seinen Überzeugungen und sich selbst treu, nachdem die meisten Rebellen sich längst vom Acker gemacht hatten und unter den schützenden Mantel des neuen grünen Kleinbürgertums geflüchtet waren. Heute wie in den Siebzigern gilt sein Satz „Zwischentöne sind nur Krampf im Klassenkampf“ .
Willi Baer, LAIKA-Verlag Hamburg

"Danke, Franz Josef Degenhardt - für Deine Lieder und Dein Engagement. Dafür, Widerstände auszuhalten, dem Zeitgeist zu trotzen und auf dem eigenen Weg unbeirrt weiterzumachen. Deinen 80. Geburtstag hast Du nun leider nicht mehr erleben können. Aber uns, die wir "ja immer noch auf dieser verflucht schönen Erden" leben, bleibt Dein Werk und die Erinnerung: an einen, der aufrecht geblieben ist, und konsequent und beharrlich sein ganzes Leben lang. Ruhe nun in Frieden, lieber Genosse. Und von ganzem Herzen Danke!"
Sahra Wagenknecht

"Der Mann, der grade gestorben ist, ist noch fast ganz zu entdecken. In Frankreich, Italien, auch in den USA wäre ein Künstler dieses Rangs – egal, wo politisch geortet – verehrter Nationalbesitz. Hier ist auch dieser Teil der Kultur privatisiert. Dabei gehören die Lieder und Schriften Degenhardts allen, die sie lesen, hören und singen. Ich wage die Behauptung, dass eine Generation, die bald kommt, an diesen Bruchstücken entlang in die Vergangenheit reisen wird. "
Manfred Maurenbrecher

"Ein großartiger Mensch und Künstler ist von uns gegangen. Franz Josef Degenhardt hat mir als Heranwachsender in den frühen 70-igern mit seinen Liedern eine neue Sicht auf meine Umwelt gegeben. Möge er das sicherlich „spießige Paradies“ mit ein paar neuen Liedern entstauben. Hochachtungsvoll"
Hans Werner Olm



"Degenhardt war eine Ausnahmefigur im deutschen Kulturbetrieb. Einerseits war er ein großer Verweigerer, andererseits war er sehr erfolgreich. Selten hat sich ein deutschsprachiger Liedermacher, der sein Publikum so konsequent auf sich selbst zurückwarf, sich so großer Zuneigung gewiss sein können. Und kein anderer Liedermacher hat so erfolgreich in die deutschsprachige Popmusik hineingewirkt wie Degenhardt, sowohl Jan Delay als auch die Goldenen Zitronen beziehen sich auf ihn."
Jörg Sundermeier

 


Liebes „Väterchen“ Franz,
Georges Brassens hat einmal über seinen Liedkollegen Jacques Brel gesagt: „Er muss auf den Tisch hauen, wenn er zornig ist“. Ich erinnere mich noch gut, wie wir beide an einem gut gedeckten Tisch saßen, im Herzen von Hamburg, Frühjahr 1990. Wir diskutierten heftig, ohne Zorn, aber mit viel Sorge, wie es denn um „unserer Sache“ steht, von der Du in deinem Lied „Kommt an den Tisch unter Pflaumenbäumen“ mit ansteckendem Herzblut gesungen hattest, „die steht nicht schlecht“.
Wir haben vielleicht zu selten an einem Tisch gesessen. Du hättest noch nicht gehen sollen und dürfen.
Dein Gregor Gysi

"Franz Josef Degenhardt stand in der ersten Reihe jener Nachkriegsgeneration von Künstlern und Intellektuellen, für die politisches Engagement noch kein Fremdwort war. Seine Lieder und Texte haben unseren Protest gegen eine Welt der Kriege, der Unterdrückung, der gesellschaftlichen Diskriminierung und sozialen Ungerechtigkeit beflügelt. Sein Tod ist ein schmerzlicher Verlust für die politische Linke."
Oskar Lafontaine

Da müssen wir durch.
Fast wäre er achtzig geworden – wer weiß, was die angesehenen Zeitungen, die aus dem Hause Springer beispielsweise, dann über ihn gedruckt oder onlinegestellt hätten. Aber nun ist er gestorben, und „de mortuis" ... Nichts Böses, aber doch möglichst viel Falsches. Und selbstverständlich ein verheerendes Zeugnis im Fach Politik, das vor Nachahmung warnen soll: Ein hochbegabter Chansonnier sei er gewesen, der Schmuddelkindersänger Franz Josef Degenhardt, aber dann sei „die Luft rausgewesen aus dem Talent", als dieser sich, obwohl doch Vetter eines Erzbischofs, dazu hergegeben habe, „Hofsänger" bei den Kommunisten zu werden. Schreibt Wolfgang Röhl und vermutet, so mancher Text Degenhardts aus seinen Zeiten nach dem Ausschluss aus der SPD hätte „in Ostberlin ersonnen sein können".
Einen „singenden Politruk" nennt Röhls achgut-Kompagnon Henryk M. Broder in der „Welt" sein Väterchen Franz und erzählt eigene Jugenderlebnisse: wie er Degenhardt bei einem Festival auf der Burg Waldeck zum ersten Mal gehört habe – „eine Autorität, nach der Antiautoritäre sich sehnten". Broder leistet Kritik und Selbstkritik: „Wir hatten die Fragen, er die Antworten", und erinnert sich: „Hätte Degenhardt uns befohlen, uns von der Burgmauer in die Tiefe zu stürzen, wir hätten es getan". War Broder damals Kiffer? Um eine Halluzination jedenfalls handelt es sich bei diesem seinem frühen Erlebnis – auf der „Burg" Waldeck gibt es gar kein Gemäuer und keinen Abgrund, in den sich irgend jemand hätte stürzen können, das Baybachtal liegt ein gutes Stück entfernt vom Festivalgelände, wo der junge Broder auf den Geschmack kam, Undergroundjournalist zu werden. Franz Josef Degenhardt war es nicht, der ihn dazu animiert hat, denn der, so wissen es die Tageszeitungen aus dem Hause DuMont Schauberg zu berichten, „unterwarf sich der spießigen Disziplin der DKP". Der Vorstandsdenker des Unternehmens kennt sich in diesem Elend aus, einst hatte er die studentenspartakistischen „Roten Blätter" redigiert, jetzt geht's ihm besser und die von ihm betreuten Zeitungen können ohne jede Unterwürfigkeit melden: „DKP-Barde ist tot". Friede seinem Parteibuch, denn das – weiß der Kollege Broder – „wird vergilben".
Franz Josef Degenhardt wusste, was aus Zeitgenossen werden kann, bei denen die rote Wut ein pubertärer Zwischenfall war, wie sie sich „zivilgesellschaftlich" zu bewähren verstehen, „tänzelnd beinahe, zu Pop und Fun". Die Nachrufe auf ihn, könnte er sie lesen, würden ihn nicht überraschen. „Es wird diesmal wohl schwieriger werden", wusste er. „Da müssen wir durch". Vor einiger Zeit schrieb er mir auf einer Postkarte: „dj.1.11 ist unvergessen". Gemeint war der Jugendbund, dem wir beide viel zu verdanken hatten. „Unbestechlich" hieß dessen aufforderndes Leitwort. Karratsch hat sich daran gehalten.
Arno Klönne

Franz Josef Degenhardt war für mich mit ungefähr 16 zunächst eine derart hohe politisch-moralische Instanz, dass jemand wie ich sowas eh kaum jemals würde erreichen können. Ein paar Jahre später kippte es dann ins Gegenteil: ich hielt ihn für einen Besserwisser mit einer nervig-schneidenden Stimme, der allzu selbstverständliche Gratis-Parolen denen um die Ohren haute, die sowieso schon derselben Meinung waren. Ich verabschiedete mich. Als ich ihn dann 2001 auf dem Festival Musik und Politik wieder hörte bzw. dank Wiglaf Droste auch treffen durfte (& eigentlich nur zuhörte), war ich insgeheim beschämt: der Mann hatte eine Ausstrahlung von Würde, Integrität und Humor, wie sie nur jemand besitzen kann, der es irgendwie geschafft hat, ein Leben lang tatsächlich seinen Überzeugungen treu zu bleiben.
Eine verlässliche Größe. Das Gegenteil also von Opportunismus, Joschkafischerismus, oder ganz allgemein dem mittlerweile global geforderten gesellschaftlich-menschlichen Prototyp des aggressiven Windbeutels.
Wie schön und beruhigend also. Ein Baum. Schade, dass er gegangen ist.
Danny Dziuk

Zwangsläufig erinnert uns der Tod von Franz Josef Degenhardt an die Zeiten, als es um die sozialistische Sache (nicht nur in der Bundesrepublik) besser bestellt war, es auch eine selbstverständliche Verbindung von künstlerischer Aktivität und progressiver Zukunftsorientierung gab. Er selbst hatte durch die Identität seiner politischen Haltung mit den Inhalten und Formen seiner Kunst, durch seine treffende Texte und überzeugende Melodien einen großen Anteil daran, dass eine Kultur des Widerstands wachsen und sich stabilisieren konnte. Seine Kunst provozierte Nachdenklichkeit und schärfte den kritischen Blick, vermittelte aber auch Zuversicht - und zwar weit über den Kreis bewußter Kommunisten und Sozialisten hinaus. Mit seinen Liedern hat er oft eine größere Wirkung erzielen, mehr Herzen (und nachfolgend auch Köpfe) erreichen können, als es so mancher politischen Kampagne gelungen ist.
Franz-Josef Degenhardts Lebenswerk ist ein überzeugendes Beispiel dafür, dass Kunst und Literatur erst durch eine progressive politische Orientierung und ein reflektiertes Gegenwartsbewußtsein ihre Potentiale vollständig entfalten kann. Aber es erinnert auch daran, dass es linker Politik, ohne Rückkoppelung zu einer progressiven Ästhetik, am unverwechselbaren Profil und letztlich an der notwendigen Überzeugungskraft mangelt.
Fundamentale Veränderungbereitschaft, der Kampf gegen den Kapitalismus und die Parteinahme für die sozialistische Alternative benötigt ihre eigene, unverwechselbare Sprache, die aufklärende Problembearbeitung in den darstelleneden Künsten und die eigenen Melodien wie die Fische das Wasser. Die progressive Ästhetik ist also nicht "Begleitmusik", sondern Lebenselexier einer Linken Bewegung: Sie muß immer auch eine Kulturbewegung sein. Ihr Widerspruchsgeist muß sich ebenso wie in der weltverändernden Theorie, auch in den ästhetischen Formen und literarischen Artikulationen zeigen. Franz-Josef Degenhardt hat uns ein Beispiel der gelungenen Verbindung von Kunst und Politik geliefert. Dieses Vermächtnis kann der organisierte Antikapitalismus nur um den Preis der Selbstnegation ignorieren.
Werner Seppmann

Es war 2005, als ich Karratsch das erste Mal traf. Sein Sohn Kai und ich kamen mit unserem Instrumentarium nach Quickborn, um mit ihm sein kommendes Album (Dämmerung) aufzunehmen. Als wir nach dem klingeln vor der Haustür warteten, wurde ich doch noch nervös. Immerhin war er der Mann, dessen Lieder den Adenauer Mief maßgeblich mit weggepustet haben, als ich mich noch Daumen nuckelnd der Ahnungslosigkeit hingab - eine unfreiwillige Gemeinsamkeit mit der Mehrheit der damaligen Erwachsenen. Damit, dass das in den vielen Jahren danach nicht so blieb, hatten Karratsch’s Lieder - ab irgendwann auch bei mir - eine Menge zu tun.
Die Quickborner Aufnahmen wurden für mich zu einer kostbare Erinnerung: das von Tag zu Tag länger werdende Frühstück, bei dem wir über die Tagesereignisse immer zügiger zu den fundamentalen Themen kamen. Fundamental war auch der anschließend aufgenommene Gesang, der meistens schnell und ohne jede Ausbesserungskosmetik gemacht war.
Lieber Karratsch, mit Deinem Scharfsinn, Deinem Witz und Deiner ungebrochene Empathie für die Menschen wirst Du unvergessen bleiben!
Goetz Steeger

Ein Musiker, Liedermacher, Literat
Unser Genosse Franz Josef Degenhardt ist tot
Er hätte sich sicher gefreut über die Feiern, die zu seinem Geburtstag geplant waren. Nicht nur wegen der Auftritte der mit ihm verbundenen Künstlerinnen und Künstler, sie wären auch ein Beispiel politisch bewegender Kunst geworden. Jetzt werden die Feste einen anderen Charakter bekommen, hoffentlich im Sinne Degenhardts immer noch mit einem bissigen Blick und Wort, das unsere gesellschaftlichen Verhältnisse auf- und angreift. Mit Worten und Meinungen, die die Wünsche und Hoffnungen der Menschen auf eine andere Welt, die ein gleichberechtigtes Leben in Frieden und mit sozialer Gerechtigkeit darstellen. Dafür ist er mit seinen künstlerischen Mitteln aufgetreten. Vielen Menschen hat er mit seiner Stimme, seiner Musik, seinen Büchern nachdenkliche, aber auch streitbare, aufmunternde und kämpferische Stunden bereitet. Und Franz Josef lebte, was er in „Zwischentönen" und direkt vermittelte. Einfach hatte er es sich – und damit auch seiner Familie – nicht gemacht. Als geachteter Künstler und Rechtsanwalt ist er gegen die Berufsverbote in den 70er Jahren angetreten. Die SPD hat ihn 1971 ausgeschlossen, weil er zur Wahl der DKP für den Landtag in Schleswig-Holstein aufgerufen hatte. Eine Konsequenz war sein Eintritt in die DKP. Wohlwissend, dass er als Künstler nun ähnliche Erfahrungen machen musste, wie die von ihm vertretenen Berufsverbotsopfer. Degenhardt wurde aus den bürgerlichen Medien verbannt. Es ist denen nicht ganz gelungen, die Kunst Degenhardts wurde zu sehr geschätzt. Er blieb und bleibt einer der größten politischen Kulturschaffenden in diesem Land. Müßig eigentlich, die Frage zu stellen, welche Achtung ihm und seiner Arbeit entgegengebracht würde, wäre er nicht Kommunist geworden: von der einen Seite hätte er vielleicht mehr Aufmerksamkeit für sein Schaffen erhalten. Für uns zählte seine Parteilichkeit, die damit verbundene Menschlichkeit und der Mut für neue Ideen. Er war und bleibt unser Genosse mit dem aufrechten Gang. Wir sind mit seiner Familie traurig, dass er nicht mehr lebt. Doch er wird uns auch in Zukunft mit seinen Liedern bei unseren Festen und bei unseren Kämpfen für eine sozial gerechte und friedliche Welt begleiten. Farewell, Franz Josef!

Bettina Jürgensen, Vorsitzende der DKP

Das erste Lied Franz-Josef Degenhardts, an dessen Hören ich mich wie heute erinnere, entstand 1964 und hat den harmlosen Titel Deutscher Sonntag. So etwas hatte ich – in der „Volks“schule mit „Volks“liedern traktiert, aus dem Rundfunk nur mit dümmlichen Schlagern bekannt – noch nie zuvor gehört. Überwältigend, was man in deutscher Sprache ausdrücken konnte. Der Dichter selbst schrieb mir dazu Jahrzehnte später: „... einige andere und ich haben in der damaligen Zeit versucht, die Stimmung unter den Leuten auszudrücken. Über die Bedrücktheiten, diese Miefigkeit des Adenauer-Regimes, diesen Provinzialismus wollte ich singend berichten.“„Mit dem Deutschen Sonntag habe ich, noch vor-politisch, mir Wut und Ärger vom Halse gesungen.“ Als Elektrikerlehrling in einer provinziellen Kleinstadt, auch ich noch „vor-politisch“, sprach der Sänger mir aus der Seele, denn genau diese öde Ereignislosigkeit, die kombiniert war mit Bösartigkeit, kannte ich genau, sie ist besungen in So sind hier die Leute, ein Lied über das Lynchen von Andersartigen.
Franz Josef Degenhardt gewann in jenen Jahren fast im Handumdrehen ein nach Hunderttau¬senden zählendes Publikum von liberalen Intellektuellen und Studenten. Dass auch Lehrlinge und junge Arbeiter ihn hörten, wird er sich kaum vorgestellt haben. Doch auch hier empfand macher dieses diffuse Unbehagen angesichts einer restaurativ erstarrten Gesellschaft, die sich am Ende der Adenauer-Ära in der Übergangszeit zur Großen Koalition befand. Degenhardt fand genau den Ton. Zumeist handelte es sich noch um keine aggressive Kritik, die er formulierte, sondern lediglich um die Beschreibung genau beobachteter Erscheinungen, die ihm wie kaum einem anderen gelang. Seine Lieder thematisierten die Generation der Mütter und Väter, die sich eingerichtet hatte in neuem Wohlstand und ihren Kindern die Vergangenheit verweigerte. Die Zeit des Faschismus, das Mitwirken dort in hoher oder niedriger Position, gehörte ebenso zu den Tabuthemen wie die Wiedereinsetzung der Täter in alle ihre Ämter. „Ihre Kinder haben Angst“, so schreibt Degenhardt in Häuser im Regen, „Angst vor den Vätern auf Büfetts in Trauerrahmen./ Denn wer weiß, was die korrekt verwaltet haben.“ Fassungslos hörte ich von Degenhardts „Senatoren und Notaren“, die mit ihren Wahlsprüchen „Alles mit Maß und mit Ziel“ gut durch die Zeiten kommen, „zwischen den Zeilen Widerstand leisteten, damals“ und die Vergangenheit mit dem Satz kommentieren „Nur Auschwitz, das war ein bißchen zu viel“.
Bei manchem Lied war ich fest überzeugt, dass Degenhardt es nur für mich geschrieben haben konnte. Als ich 1966 den Kriegsdienst verweigerte, erlebte ich aggressive Kollegen, die auch das Wort „vergasen“ in den Mund nahmen und zumindest überzeugt waren, unsereiner würde zu den Ersten gehören, die man im Ernstfall ins Feld schickte: gegen jede Art von Proletkult war ich fortan geimpft. In drei Verhandlungen hielt man mir alle die Dümmlichkeiten vor, die Degenhardts Befragung eines Kriegsdienstverweigers so karrikierte, dass nicht nur ein befreiendes Lachen die Folge war, sondern mir das Lied in meiner noch wenig gefestigten Überzeugung Ermutigung war. Die in den Prüfungskammern gehörten Argumente, die Bundeswehr sei schließlich – Verweis auf das Grundgesetz – allein zur Verteidigung bestimmt, konnte ich nicht recht widerlegen, das taten dann die kommenden Jahrzehnte: „und morgen die ganze Welt“, Bomben für Menschenrechte und die Befreiung der Frau. Es ist ein gerader Weg, der Degenhardt von seinem Kriegsdienstverweiger-Sprechgesang zum Lied Eigent¬lich unglaublich von 1996 geführt hat, in dem die neuen Lügen zur Rechtfertigung von altbekannten Bombardierungen bewohnter Städte zu Wort kommen, ein Lied, das wie die anderen Degenhardts längst nicht mehr im Rundfunk zu hören war. Mit jenen Steinewerfern, die später zu Bomben greifen sollten, hatte er sich schon zu Beginn der 1970er Jahre auseinandergesetzt. Der rote Bodo wurde dann später zur historischen Figur, Partner eine Koalition, die den Krieg in Deutschland wieder konsensfähig machte und alle jene neoliberalen „Reformen“ ermöglichte, welche der CDU nie gelungen wären. Ein Lied über den Gas-Prom-Diener oder den Präsidenten der Zeitarbeitsfirmen hat er dann nicht mehr geschrieben.
Für mich waren in den spätern 1960er Jahren wohl weniger die politischen Überzeugungen Degenhardts wichtig, wenngleich mir heute scheint, dass er selbst wohl gar nicht so radikal war wie jene Raubtier- und Raff-Gesellschaft, die er besang. Begeistert war ich von der Poesie seiner Lieder, die mich bis heute gefangennimmt. Viele von ihnen sind Sprachkunstwerke, die man so wenig vergessen wird wie seine humanistische Haltung. Zu meinem Berufswunsch, Germanist zu werden, haben Degenhardts Lieder entscheidend beigetragen, für mich ist er der bedeutendste politische Lyriker deutscher Sprache nach 1945. Seine Lieder sind Gedichte, die auch ohne Vertonung und Gesang bestehen – Kunstwerke, die – wie bei allen großen Liederdichtern bis zu Georges Brassens, dem großen Anreger Degenhardts – musikalisch begleitet und gesungen gleichwohl zusätzliche poetische Kraft gewinnen.
Seinen Traum von einer ganz anderen Welt, „in der es kein Geld und keine Ware gibt“, aber eine mittels Wahlzettel nicht er¬reich¬bare Gesell¬schaft existiert, „die auf einer Gebrauchswert- und Bedürfnis-Ökonomie beruht als Voraussetzung für Demo¬kra¬tie und das Ende von Ausbeutung“, gab Franz-Josef Degenhardt auch nach 1989 nicht auf. Eine Gesellschaft, in der alles zur Ware wird, hat er bereits in seinen frühen Liedern besungen, in Zwischen zwei Straßenbahnen etwa oder später in Monopoly. Seine Lieder sind aktuell, und es gibt – neben Kai und Jan – auch heute noch Sänger, an denen Franz-Josef Degenhardt seine Freude gehabt hätte. Dank You Tube kann man sie trotz der Zensoren in Rundfunk und Fernsehen auch hören:
http://www.youtube.com/watch?v=8vFL0QWxugI
Holger Böning, Bremen

Den Satz "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern" hab ich als Kind einige Male zu hören bekommen und ich bin mir fast sicher, schon vor Veröffentlichung des Songs. Oder waren es Erwachsene, die die beißende Gesellschaftskritik nicht verstanden hatten und meinten mich damit ernsthaft ermahnen zu müssen? Oder gar Klassenkämpfer von der anderen Seite? Ich war Kind und fühlte lediglich den Widerspruch. Franz-Josef Degenhardt hatte den Nerv der Zeit, unserer Gesellschaft und meiner Kindheit getroffen. Nichts wurde spannender für mich, als mit den Schmuddelkindern zu spielen. Danke!
Frank Otto

Deine Lieder klingen nach, Deine Worte. Was Du uns schriftlich hinterlässt, wird nachlesbar in der 10bändigen Werkausgabe im Verlag Kulturmaschinen. Über das Erscheinen der ersten Bände, den „Zündschnüren" und „Brandstellen" hast Du Dich noch freuen dürfen – sie persönlich vorzustellen, fühltest Du Dich schon zu schwach: „Selber bin ich inzwischen zu ‚lädiert' um aufzutreten".
So wie Du bewahrt hast, was Du erfahren, als falsch oder richtig erkannt hast, auch was Dir widerfahren ist, sollten wir bewahren, was Du als Zeitzeuge und Weggefährte Dein Leben lang versucht hast uns zu vermitteln – nicht nur durch Deine Auftritte: vor allem durch Dein Eintreten für die, die erst anfangen zu begreifen, dass sie als Klasse angegriffen werden. „Näher kommend wieder erste Lieder, die vor Empörung schreien und den Aufruhr besingen" – darunter Deine.
Rolf Becker

Ich weiß nicht, wann ich das erstemal „Für Mikis Theodorakis“ gehört habe. Jedenfalls das „Lehrstück für 4 Partisanen“ hörte ich im Radio, als Gerhard Bronner es in der berüchtigten Folge „Lieder, die zum Terror führen“ vorstellte. Mit der Zeile „Maschinengewehre brauchen wir noch nicht“ konnte ich mich nicht anfreunden, sie war auch nicht authentisch, sondern plakativ. Ich liebte Degenhardts Lieder wegen seiner exakten Beschreibung des Lebens im Bergischen Land. „Deutscher Sonntag“ war die Beschreibung meiner Jugend und wenn ich das Grab meiner Eltern besuche, muss „Umleitung“ laufen. Wenn ich mal wieder sentimental bin, höre ich die „Laute von damals“ und wenn das „Fischer,Vollmer,Trittin“-Gesocks im Fernsehn erscheint, „Warum denn auch nicht“. Man bleibt weiter hin- und hergerissen zwischen der Hoffnung auf „Jenen Tag, an dem die Sonne tanzt“ und der Befürchtung „dass das nur solche Geschichten bleiben, die man den Enkeln erzählen kann“. Aber keiner hat sie so gut erzählt wie F.J. Degenhardt.
Kajo Frings

Mit aufrechtem Gang
ist er unbeirrt durch das Leben geschritten, der Karratsch. In den Sechzigern haben ihn die sozialen Demokraten rausgeschmissen, einige Jahre später ist er der DKP beigetreten. Seinen Überzeugungen ist er auch dann treu geblieben, als die Zeiten schlechter wurden und andere längst ihren Wildledermantel gewendet hatten. Wie das so ist als Kommunist.
Natürlich war ich traurig und betroffen, als ich abends von seinem Tod hörte, kurz vor dem achtzigsten Geburtstag. Doch dann bin ich ans Bücherregal getreten, habe in den Plattenschrank geschaut und festgestellt: Der Karratsch ist so lebendig wie eh und je, so einer wie der haut nicht sang- und klanglos ab, der läßt seine Genossen nicht im Stich.
Ich setzte mich in den Sessel, legte Bein auf Bein und stellte mir vor, wie er da irgendwo rumhängt, der Franz-Josef Degenhardt, am Tisch unter Pflaumenbäumen, zusammen mit Mutter Mathilde, Rudi Schulte, Natascha Speckenbach und dem alten Spötter Francois Villon.
Und es fror mich vor Gemütlichkeit.
Gerhard Schumacher

Lieber Dr. Degenhardt, alter Freund mit dem Ulbrichtbart ... !
Christoph Hofrichter

Lieber Franz Josef Degenhardt,
Fast 14 Jahre ist es nun her, dass wir uns in Hamburg kennen gelernt haben. Wir hatten deine Schmuddelkinder gecovert und einen Rapsong daraus gemacht und dir hat das sehr gefallen: „Das ist ein Schmuddelkinderlied, so wie ich es auch schreiben würde, wäre ich 17 oder 25 und rappte durch Tag und Nacht in diesen lausigen Zeiten" – das hast du uns geschrieben, als wir dir die Aufnahme geschickt haben. Wir waren unglaublich stolz, und druckten den Satz auch gleich auf unser Plattencover. Als wir mit den Schmuddelkindern auf Tour gingen, luden wir dich ein zu dem Konzert in Hamburg. Wir hätten alles Verständnis der Welt gehabt, wenn du nicht gekommen wärst – aber du warst da und Kai hat unsere HipHop-Schmuddelkinderversion auf der Gitarre begleitet. Überhaupt war an dem Abend einiges los: Günther Jacob schaute vorbei, Frank Spilker sang die Internationale und mit Prinz Chaos II. diskutierten wir bis spät in die Nacht über die Weltrevolution
In unserem Tourbus liefen neben Public Enemy oder KRS ONE immer auch Degenhardt-Songs. Deine Texte haben uns begleitet und inspiriert. Dass wir in einem anderen Genre unterwegs waren, machte die Sache noch spannender: Wie sehen sie heute aus, die Schmuddelkinder einer globalisierten Gesellschaft? Wem sollte man in diesen „lausigen Zeiten" ein schönes Lied singen? Und welche Wölfe im Schafspelz heulen heute im Steinbruch das Fraßlied? Du warst uns ein Kompass in verwirrenden Zeiten; wir übersetzten Deine Lieder in unsere Sprache und webten sie ein in das Rappelkistenpatchwork unserer Welt.
Dass Du uns verpeilte Anarchisten-Combo 1997 auf die Burg Waldeck eingeladen hast um mit Dir und vielen anderen Deinen 65. Geburtstag zu feiern, war für uns eine große Ehre. Dein langer künstlerischer Atem und Deine unbeugsame politische Haltung – gegen alle lockenden Zeichen der Zeit – sind für uns bis heute ein Vorbild. Und als wir uns schon als Rap-Rentner gefühlt haben, bist Du mit Kai immer noch auf Tour gegangen.
Danke für so viel Kraft, für so viel Wohlwollen und Zuversicht und für so viele schöne, starke Lieder – Lieder, die wir meinen.
Deine Schmuddelkinder von der Anarchist Academy

Pfingsten 1964,
wir waren alle zu einem Festival gekommen, das sich mit „Chanson – Folklore - International" angekündigt hatte. Alle, die wir auf der Suche waren nach einer Musik, die einen Ausweg bot aus dem deutschen Schlagerelend, der allgegenwärtigen, ewig gestrigen Tanzmusik und der dürftigen Auswahl angloamerikanischer Unterhaltungsmusik der Soldatensender AFN und BFBS. Wir waren alle auf der Suche nach dem verschollenen deutschen Chanson, das wir aus fernen Erzählungen aus der Vorkriegszeit kannten. Wir waren alle auf der Suche nach neuen Liedern auf die Burg Waldeck gekommen. Und da fanden wir sie auf einer nächtlichen Wiese im Hunsrück, versammelt in einem großen Amphitheater unter freiem Himmel. Alle Blicke und alle Aufmerksamkeit gebannt auf einen Mann gerichtet, der auf einer grob zusammengehauenen, spärlich beleuchteten Bretterbühne stand, ein Bein auf einen Stuhl gestellt, die Gitarre darauf abstützend spielte und sang: Franz Josef Degenhardt.
Wir sprachen diesen Namen leise, ja ehrfurchtsvoll. Franz Josef Degenhardt hatte diese Lieder, diese Geschichten, diese Deutlichkeit und Kompromisslosigkeit, nach der wir uns so sehnten und er hatte dieses Geschenk, sie so zu singen, dass es unmöglich war, sich dieser Faszination zu entziehen. Wir hatten alle unsere ersten eigenen Lieder mitgebracht und sangen, probierten sie im kleinen Kreis, wir redeten, wir diskutierten tagelang, aber wenn Franz Josef Degenhardt abends auf der Wiese sang, dann schwiegen alle anderen, er war der Meister und wir waren seine Schüler und wir zollten ihm Hochachtung, weil wir spürten, dass sie ihm gebührte. Er hatte den Stein der Weisen schon gefunden, wir suchten noch danach und wir waren begierig, von ihm zu lernen.
Fünf Jahre lang haben wir uns zu Pfingsten auf dieser Wiese im Hunsrück getroffen, wir jungen, wilden, selbstbewusster werdend mit dem wachsenden eigenen Repertoire, dem eigenen Stil aber immer voller Respekt für den, der uns den Weg gezeigt hatte. Beim letzten Mal sang ich dort „Hauptbahnhof Hamm", Franz Josef Degenhardt kam zu mir und sagte „gutes Lied" – ich empfand das als meinen Ritterschlag - ich empfinde das noch immer!
Reinhard Mey

Franz Josef Degenhardt (†): Genosse Karratsch, es geht weiter!
Die Menschen, die er besang oder besser: die durch ihn lebten, heißen Väterchen Franz und Natascha Speckenbach, Mutter Mathilde und Tonio Schiavo. Er warnte uns vor den Schmuddelkindern und befragte perfide-hinterhältig einen Kriegsdienstverweigerer „im Rahmen der freiheitlich demokratischen Grundordnung, versteht sich". Franz Josef Degenhardt, Jurist, Antifaschist, Kommunist und Realist, weil er das für Viele Unmögliche dachte, ist tot. Er starb am 14. November, knapp drei Wochen vor seinem 80. Geburtstag. Das Konzert am 19. Dezember, mit dem er gefeiert werden sollte im besten Sinne, wird jetzt vom Fest zum Abschied. Ganz in seinem Sinne. Zum Niedergang des Sozialismusversuchs der DDR und der weiteren Entwicklung des strikten Antikapitalismus sagte „Genosse Karratsch", wie sich der Bewunderer des rheinland-pfälzischen
Rennfahrers Rudolf Caracciola nannte: „Es geht weiter. Ich hoffe da ganz auf unsere Enkel und Urenkel."
Franz Josef Degenhardt, der Verteidiger. Er setzte sich ein für Sozialdemokraten und Kommunisten, für Demokratie und Freiheit, kämpfte gegen Faschismus und Borniertheit. Die SPD schloss ihn 1971 aus, der DKP, die ihn 1978 aufnahm, blieb er bis zuletzt treu. Seine Lieder durften ab 1970 nicht mehr in öffentlich-rechtlichen Sendern gespielt werden, aber er blieb weiter die Leitfigur des klaren politischen Worts. Franz Josef Degenhardt, der Kämpfer. Seine Waffen gegen den Kapitalismus, gegen Unbelehrbare, gegen Alt- und Neo-Nazis waren Gitarre und Sprache, sein Standpunkt: fest. Mit unverkennbarer, durchdringender Stimme sang er diejenigen nieder, die angetreten waren, die Demokratie niederzumachen. Seine Feindbilder hießen Vietnamkrieg, Notstandsgesetze, Berufsverbote, seine Freunde waren die Ostermarschierer, die Friedlichen. Er gab denen eine Stimme, die mundtot gemacht wurden, die schweigen sollten.
Acht Romane, sechs Liederbücher, 55 Alben und Singles, ungezählte Auftritte, zahlreiche Auszeichnungen. Das allein ist kein Vermächtnis. Das Vermächtnis des Genossen Karratsch ist die Aufforderung, wachsam zu bleiben, kritisch und kämpferisch. Die Überlebenden wachen darüber: Väterchen Franz und Mutter Mathilde, Natascha Speckenbach und der wehrhafte Tonio Schiavo. Und wir und unsere Enkel und Urenkel werden ihm Recht geben: Es geht weiter. So, wie er es wollte: Im Streben nach demokratischem Sozialismus, nach Frieden und Gerechtigkeit. Im Kampf gegen Faschismus, gegen die Verkommenheit des Kapitals. Versprochen, Genosse Karratsch!
Harald W. Jürgensonn

Lieber Karratsch!
Zu Deinem großen Geburtstag wollte ich Dir schreiben, und trotzig tue ich das auch ungeachtet dieses 14. November. Wir haben uns ja ganz gut gekannt, sind ein paar Wegstrecken gemeinsam gegangen. Genossen habe ich immer die Gespräche mit Dir. Da gab es Heiteres. Wie Du als Kind zu diesem Spitznamen kamst. Ob der Ringkampf beim Teigkneten in der Backstube entstand. Dass die Schnulze „Una paloma blanca" doch eine prima Hymne für die Friedensbewegung sei. Jürgen Drews' Fassung Deiner „Schmuddelkinder", tja. Und es gab ernste und komplexe Themen. Die eigenständige Erkenntnisfunktion von Kunst. Der Kampf um die Vorherrschaft zwischen Erkenntnis der Realität und deren wie auch immer gearteter Widerspiegelung in den Köpfen der Rezipienten nach dem Motto „Den Sonnenuntergang habe ich im Kino auch schon besser gesehen." Oder eben im Fernsehen. Vorspiegelungen in den Medien, in den Nachrichten. Die Herstellbarkeit von Glaubwürdigkeit. Unsere Möglichkeiten, zu solchen Themen künstlerisch zu arbeiten, die Köpfe zu erreichen. Ich durfte da einiges lernen von Dir, dafür bin ich sehr dankbar. Du bleibst für mich einer der wichtigsten Menschen, eine der wichtigsten Persönlichkeiten, die ich kennenlernte. Die Ansager der Gesellschaft, die Du mit Deiner Kunst kritisch reflektiert und in Frage gestellt hast, haben Dir nicht ohne Not mit Anerkennung gezollt. Aber Deine Lieder, diese gesungenen Gedichte, und auch Deine Romane gehören zum Besten, was diese Republik an künstlerischem Schaffen verzeichnen kann. Und das hat trotz weitgehender offizieller Ignoranz Millionen Menschen erreicht, darunter auch viele Hin- und Hergerissene, die nicht unbedingt Deiner Meinung waren, Dich und Deine Kunst aber geachtet oder sogar geliebt haben. Wer kann das schon von sich sagen?

An jenem 14. November und auch viele Tage danach war ich sehr still und nachdenklich, habe mir – verzeih! – ganz ahistorisch von Bob Dylan ausgeliehen „He's not dead, he's just asleep". Besser gefallen hätte Dir vermutlich „Hasta siempre, compañero!" Doch am besten hast Du selbst es mal wieder, schon vor Jahrzehnten, gefasst, so erlaube mir, Dich zu zitieren:

„Der Speckmond über meiner Räucherkate grinst,
und dieser schwarze Vogel hockt im Baumgespinst,
und die sechs Saiten meiner Laute läuten leer,
und meine Hände sind vom vielen Spielen schwer.
Das ist die Nacht, vor der ich Angst hab, und vom Moor,
die Schwefelstimmen hör ich, Stimmen hinterm Ohr
...
Hock dich auf meinen Plattenteller, mon patron,
ton cul saura que ton col poise, François Villon.
Mach Platz, Kumpan, dem Wolkenstein, der ist schon voll,
von Ulla Winblad sing uns, Bellmann, dreimal skål.
Und Aristide im Schlapphut und mit rotem Schal,
ihr alle aus dem schönen Nachtigallental.
Ala - Kumpanen, Sangesbrüder, kommt herein.
Wir trinken unser´n violetten Wein."

Sei von Herzen gegrüßt, ich verneige mich
Dein Ulli Maske

"Ich erinnere mich noch genau, wann und wo ich das erste Mal einen „Bänkelsong“ von Franz Josef Degenhardt – von der Schallplatte – gehört habe. Es war im Atelier von Manfred Voss, den ich beim Ostermarsch kennengelernt hatte, zu dem ich von Wien nach München getrampt war. Leibhaftig sah und hörte ich Degenhardt erstmals 1968 an der Universität Stuttgart, wo ich kurz davor eine Stelle angetreten hatte. Ein Jahr später lernte ich ihn persönlich auf der Burg Waldeck kennen. Seitdem – also fast ein halbes Jahrhundert – haben mich seine Lieder begleitet. Sie sind ein Stück meiner Biographie geworden. Damit stehe ich nicht allein da. Viele aber haben vergessen, was sie schon einmal begriffen haben – nicht zuletzt mit und dank den Songs von Franz Josef Degenhardt."
Thomas Rothschild

Tschüss, Franz Josef Degenhardt,
wir, die Gruppe Tocotronic, hören noch einmal Deine alten Lieder und machen einen Zug durch die Gemeinde in Deinem Namen.
Ausgerechnet in der Schweiz lernten wir uns 1995 in der Roten Fabrik beim "Vorwärts"-Fest kennen. Wir sagen: Möge Deine Stimme unerbittlich schnarren, da wo Du jetzt bist, so wie sie uns damals schnarrte!
Adieu! Tocotronic

Karratsch
Während ich diese Zeilen im Gedenken an meinen verstorbenen Freund Franz Josef Degenhardt schreibe, haben mich erneut traurige Nachrichten erreicht. Zwei weitere bedeutende Künstler meines Metiers, Georg Kreisler und Ludwig Hirsch, sind tot. Das Ableben dreier großer deutschsprachiger Liedermacher im Abstand weniger Tage wirkt bestürzend auf mich. Welch ein düsterer und bedrückender November 2011. Aber lassen Sie mich zu meiner Erinnerung an F.J. Degenhardt zurückkehren.

1964 dachte ich doch tatsächlich, in der Bundesrepublik der einzige zu sein, der selbst geschriebene Lieder – es waren gerade mal zwei – zur Gitarre sang; durchaus verständlich, wenn man bedenkt, dass es damals den Begriff Liedermacher noch gar nicht gab, und eine entsprechende Szene, die sich im heutigen Sinne hätte vernetzten können, erst in Ansätzen vorhanden war. Dann hörte ich zufällig im Radio Franz Josef Degenhardt, den ich bis dahin nicht kannte. Das Lied, das er sang, hieß Rumpelstilzchen. Für mich ein coup de foudre. Ich war beglückt festzustellen, dass ich mit meiner Leidenschaft, mich in selbst verfassten Liedern auszudrücken, kein isolierter Spinner war. Mehr noch, ich ahnte, dass ich von nun an Teil einer gerade erst aufkeimenden – sagen wir – kulturellen Bewegung sein würde. Einer Bewegung mit einem Meister vom Kaliber Degenhardts an der Spitze.

Mir, als dem zehn Jahre Jüngeren, hat es nie was ausgemacht, Franz Josefs überlegene Meisterschaft anzuerkennen, die er in seiner enormen künstlerischen Produktivität, in seinen Auftritten und Liedern wie auch in seinen Prosa-Werken immer wieder bewies. Ich habe immer noch seine Worte im Ohr: "Hannes, du musst jeden Monat ein Lied schreiben." Das war 1966, als wir uns auf Burg Waldeck kennen lernten und anfreundeten. Ich gestehe, das ist mir seitdem nur selten gelungen. Karratsch, so durften bzw. sollten Franz Josefs Freunde ihn nennen, Karratsch konnte das.

In der für mich turbulenten und äußerst irritierenden Nach-68er Zeit versuchte ich mich auch politisch an ihm zu orientieren. Mitbekommen habe ich, dass ihm, der sich trotz seines Wahlaufrufs für die DKP immer noch als Sozialdemokrat verstand, sein Rausschmiss aus der SPD 1971 schwer zugesetzt hat. Vielleicht hatte er gehofft, diese seinerzeit noch so mächtige Organisation würde wohl einige radikal-linke Abweichungen von der Parteilinie selbstbewusst und großzügig dulden. Erst sieben Jahre später – übrigens nach mir – entschloss er sich der DKP beizutreten, deren Mitglied er bis zum Schluss blieb. Mir hat Karratsch meinen Austritt aus der DKP – obwohl mein Entschluss, mich nie mehr an eine Partei zu binden, meine sozialistische Grundüberzeugung nicht berührt – übelgenommen. In einem Interview bezeichnete er die Ausgetretenen als Pack. Das wiederum nahm ich ihm übel. „Funkstille" zwischen uns war die Folge. Während dieser Zeit habe ich unsere Begegnungen, die Lieder, die Gespräche, die spannenden Diskussionen sommers unter dem alten Wildkirschenbaum in seinem Garten, oder bei mir zu Hause, sehr vermisst. Jahre später schrieb ich ihm dann doch – tief erschrocken über die Nachricht, er würde aus Krankheitsgründen nie wieder auftreten, und auch in dem Wunsch, mich wieder mit ihm zu versöhnen – einen Brief. Wir haben dann beide gemerkt, wie sehr uns daran lag, uns wieder zu vertragen. 2006 besuchte er mich trotz seiner Geschwächtheit zusammen mit seiner Frau Margret, um mir seine gerade erschienene CD „Dämmerung" zu bringen. In dem gleichnamigen Lied heißt es in einer Strophe:

„Die Flieger zu den Urlaubsparadiesen betonen die Stille hier unten nur.
Dem Musiker-Freund, der mich heute besuchte, dröhnen sie doch gefährlich im Ohr. Nach vielen falschen Zerwürfnisjahren, schenkte er mir sein Exemplar von Horaz. Wir lagen uns lange in den Armen. Das Buch war einst im Besitz von Karl Marx."

Gelebte politisch-ethische Grundsatztreue, überragendes künstlerisches Talent, profundes gesellschaftstheoretisches Wissen (Marx), analytischer Verstand, brillant und ruhelos: Menschen, die wie Karratsch über solche Eigenschaften verfügen, muss man bewundern. Das allein macht sie aber noch nicht liebenswert. Man könnte sich sogar davor gruseln, schon weil man das selbst nie so gut hinkriegen würde. Aber Karratsch war liebenswert. Neben seinen CDs, ich kenne alle seine Lieder, neben seinen Romanen, ich habe sie alle gelesen, stehen in meinem Bücherregal Werke von ihm geschätzter Autoren, die er mir regelmäßig zum Geburtstag schenkte. Auch die liebe ich alle. Ich greife ein paar heraus: Der „Ulenspiegel" von Charles de Coster. Nach den darin handelnden Figuren Nele, Jan und Kai haben Franz Josef und Margret ihre Kinder benannt. Oder: „Der stille Don" von Michail Scholochow. Dann: Die „Aufzeichnungen eines Jägers" von Iwan S. Turgenjew. Und hier: „Ovid Metamorphosen" mit der Widmung: „Zur Lebensmitte dem Hannes die Metamorphosen Ovids – aus einer Zeit in der noch im Strom des Lebens alles verging, wieder wurde, und manchmal Menschen zu Bäumen, Steine zu Menschen wurden – Nichts blieb wie es war, doch das Beständige wuchs. Von Karratsch."

Sie bedeuten mir viel, diese Geschenke. Mit ihnen verfüge ich über Belege großer Wertschätzung und Zuneigung eines Freundes.

Meine Freundschaftsbeweise für Karratsch fallen dagegen bescheiden aus. Aber ich habe in der Vergangenheit oft seine Lieder gesungen und singe sie noch immer, um ihm – auch wenn er nicht mehr da ist – als meinem Freund nahe zu sein und um mich vor ihm als dem Meister zu verneigen.
Hannes Wader
(Ursprungsveröffentlichung: hier)

Er hätte sich sicher gefreut über die Feiern, die zu seinem Geburtstag geplant waren. Nicht nur wegen der Auftritte der mit ihm verbundenen Künstlerinnen und Künstler, sie wären auch ein Beispiel politisch bewegender Kunst geworden. Jetzt werden die Feste einen anderen Charakter bekommen, hoffentlich im Sinne Degenhardts immer noch mit einem bissigen Blick und Wort, das unsere gesellschaftlichen Verhältnisse aufund angreift. Mit Worten und Meinungen, die die Wünsche und Hoffnungen der Menschen auf eine andere Welt, die ein gleichberechtigtes Leben in Frieden und mit sozialer Gerechtigkeit darstellen. Dafür ist er mit seinen künstlerischen Mitteln aufgetreten. Vielen Menschen hat er mit seiner Stimme, seiner Musik, seinen Büchern nachdenkliche, aber auch streitbare, aufmunternde und kämpferische Stunden bereitet. Und Franz Josef lebte, was er in "Zwischentönen" und direkt vermittelte. Einfach hatte er es sich - und damit auch seiner Familie - nicht gemacht. Als geachteter Künstler und Rechtsanwalt ist er gegen die Berufsverbote in den 70er Jahren angetreten. Die SPD hat ihn 1971 ausgeschlossen, weil er zur Wahl der DKP für den Landtag in Schleswig-Holstein aufgerufen hatte. Eine Konsequenz war sein Eintritt in die DKP. Wohl wissend, dass er als Künstler nun ähnliche Erfahrungen machen musste, wie die von ihm vertretenen Berufsverbotsopfer. Degenhardt wurde aus den bürgerlichen Medien verbannt. Es ist denen nicht ganz gelungen, die Kunst Degenhardts wurde zu sehr geschätzt. Er blieb und bleibt einer der größten politischen Kulturschaffenden in diesem Land. Müßig eigentlich, die Frage zu stellen, welche Achtung ihm und seiner Arbeit entgegengebracht würde, wäre er nicht Kommunist geworden: Von der einen Seite hätte er vielleicht mehr Aufmerksamkeit für sein Schaffen erhalten. Für uns zählten seine Parteilichkeit, die damit verbundene Menschlichkeit und der Mut für neue Ideeen. Er war und bleibt unser Genosse mit dem aufrechten Gang. Wir sind mit seiner Familie traurig, dass er nicht mehr lebt. Doch er wird uns auch in Zukunft mit seinen Liedern bei unseren Festen und bei unseren Kämpfen für eine sozial gerechte und friedliche Welt begleiten. Farewell, Franz Josef!
Bettina Jürgensen, Vorsitzende der DKP


Um wie viel lieber hätte ich meine Erinnerung an Franz-Josef Degenhardt zu seinem 80. Geburtstag geschrieben, dem Lebenden zur Kenntnis, mit guten Wünschen und einem frohen Glückauf. Es hat nicht sollen sein. Seine schwere Erkrankung war bekannt und er wäre wohl der Letzte gewesen, der der Endlichkeit menschlichen Schaffens nicht realistisch entgegengesehen hätte. Franz Josef Degenhardt ist tot, seine Lieder leben weiter.

Verabschiedet hat sich der große Erzähler, Schreiber und Musikant schon mit seiner letzten CD, die nicht, wie in vielen Nachrufen erwähnt, die Scheibe "Dämmerung" war, sondern durchaus fröhlich und nach vorne gewandt, "Dreizehnbogen". Da war er schon länger nicht mehr aufgetreten, doch die Stimme klingt frisch wie am ersten Tag, wenn er von der Reise "den Fluss hinunter" erzählt oder in seiner Interpretation von Louis Fürnbergs "Jeder Traum" sein knappes Lebensresümee zieht: "Jeder Traum, an den ich mich verschwendet / Jeder Kampf, da ich mich nicht geschont / Jeder Sonnenstrahl, der mich geblendet / Alles hat am Ende sich gelohnt. // Unser Leben ist doch schwer zu tragen / Und nur, wenn man auch zusammenhält / hat man Kraft zum Leben ja zu sagen / und zum Kampf für die ganz andere Welt // Ja, ich hab mein Schicksal längst beschlossen / als ich mich zum Widerspruch entschied / Wenn ich singe Freunde und Genossen / gehen unsre Träume durch mein Lied".

Einfache Wahrheiten, gelassen und in sich ruhend zur gezupften Gitarre auf den Punkt gebracht.

Er hat ihn nie aufgegeben, diesen Traum, dass ein für alle menschenwürdiges Leben erreichbar ist. Auch in den bitteren 90er Jahren nicht. Als ich und viele andere die Gitarre in die Ecke stellten, weil keine Töne und Worte mehr zu finden waren, die unsere Enttäuschung und Ratlosigkeit hätten zum Ausdruck bringen können, saß er zum Interview beim NDR (Ja, jetzt holte man ihn, den kommunistischen Barden, weil man dachte, er würde sich vorführen lassen) und erklärte ganz selbstverständlich, warum er seinen Schritt auch jetzt nicht bereue, von der SPD in die DKP gewechselt zu sein, weil dort ja immerhin noch Kommunisten organisiert seien, die eine Fundamentalopposition in diesem Land dringend brauche. Da konnte der Moderator sich winden wie er wollte, er musste ihn ausreden und dann auch noch sein Lied "aus der Gruft heraus" singen lassen: "Das REICH erwacht zu neuer Größe / wir haben gedüngt / KAMERAD / jawoll, mit Blut und Blut / und ihr fahrt jetzt die Ernte ein" Diese Warnung kam damals wenigen öffentlich über die Lippen, obgleich die Bedrohung allgegenwärtig war. Franz Josef Degenhardts Lieder waren durchdrungen von dieser Melange aus Erkenntnis und Widerspruch, die doch fast nie im nur Agitatorischen versank. Deshalb haben uns seine Lieder so berührt, haben unsere Biografien geprägt. Seine Typen, wie Natascha Speckenbach oder Rudi Schulte wurden gute Bekannte, seine Situationsbeschreibungen hallten in uns wider als hätten wir sie selbst erlebt. Wer solches erreicht, ist ein großer Künstler. Degenhardt hat dies ohne großes Aufheben getan, sein Vortrag war spröde, fast unterkühlt. "Ich bin Westfale, also kein gewandter und geistsprühender Causeur aus der ´Lamäng´, kein Stegreifplauderer. Bleibt als Ausweg, sich seine Geschichten vorher auszudenken und zu formulieren. Formuliert man langsam und gründlich, so entstehen Gedichte. Trägt man diese dann singend vor, so sind es Lieder. Die meisten meiner Lieder habe ich denn auch, eben als meine Geschichten, in trinkfreudigen Freundesrunden gesungen." schrieb er im Begleittext zu seiner zweiten LP 1963.

Ich hatte wenige persönliche Begegnungen mit ihm. Die erste war ein gemeinsames Konzert im Mannheimer Rosengarten 1972. Da war ich der jugendliche Rebell, der punkmäßig in die Gitarre drosch und die Revolution beschwor bis die Saiten rissen und er war schon der Erzähler, der uns mit seiner gelassenen Überzeugung in den Bann zog. Das letzte Gespräch war, als er mich 2008 nach meiner neuen Solo-CD anrief, um mir erstmal für mein jahrelanges Politisch-musikalisch-aus-der-Welt-sein den Kopf zu waschen, dann aber auch um mir zu dieser CD zu gratulieren. Es gab nicht viele persönliche Begegnungen, unsere Auftrittswelten waren zu verschieden und doch war er mir ein guter Bekannter, Vertrauter, in dessen Liedern ich versank, auf der Suche nach der Magie seiner Worte, nach dem Wesentlichen seiner künstlerischen Arbeit. Wenn ein deutscher Liedermacher mich nachhaltig geprägt hat, dann war er es, immer wissend, dass seine Art etwas Unerreichbares sein würde.

Im Sommer traf ich eine jüngere Genossin aus der antiimperialistischen Szene, die lange Jahre in Berlin gelebt hat. Auf meine Frage, was sie dort so gemacht habe, meinte sie kurz "ich habe für die Revolution gearbeitet". Sie gehört zu denen, die Franz Josef Degenhardt in dem Buch "Brandstellen" mit viel Sympathie beschreibt: "Ohne Leute dieser Art wäre zu allen Zeiten manche Widerstandsaktion, Erhebung, Revolte oder sogar Revolution gescheitert, manche allerdings auch gelungen. Sie waren unberechenba r...". Für diese Genossin gehören die Lieder von Franz Josef Degenhardt genauso zu ihrem Leben wie die von Ton-Steine-Scherben. Das ist so und das wird so bleiben. Franz Josef Degenhardt ist tot, doch seine Lieder, Texte und Bücher leben weiter. Viele wollen auch erst noch entdeckt werden.
Bernd Köhler

Franz Josef Degenhardt war ganz früher in der SPD, republikanischer Anwalt. Die süffisant-subtile Zensur, gepanzert mit brutalem Antikommunismus, zeigte ihm Wege, immer weiter nach links. Er stellte Fragen, auch dort, wo Fragenstellen verboten schien. Und sang selbst gegen die Instrumentierer des Prager Frühlings, ´das goldene Prag´: "Und wenn die Gold sagen,/meinen die Gold".

Die stillen Heldinnen und Helden des entschiedenen Teils der Arbeiterbewegung waren sein neues Deutschland: der Kommunist Rudi Schulte, die Mutter Mathilde, die Natascha Speckenbach.

Schräge Vögel, wie sie seine Schwägerin Gertrude Degenhardt für viele seiner Plattencover zeichnete, waren die Zwischenwelt zwischen den niederträchtigen Exekutoren des Posthitlerismus und den roten Lichtgestalten, deren Schwächen er keineswegs ausblendete, um dem Realismus die größte methodische Dimension zu erhalten: die Dialektik.

Franz Josef Degenhardt Einer der größten Erzähler, von der Räudigkeit in diesem Deutschebankstaat; von der Menschenliebe der Kapitalfeinde. Adieu, Karratsch
Diether Dehm (früher Lerryn)


In der Erinnerung an meine Jugendzeit sind seine Lieder untrennbar verbunden mit progressiver Musik (ja, so hieß das damals noch) von Emerson, Hendrix oder den Who.
Er ist für meine Politisierung mitverantwortlich, ich habe ihm viel zu verdanken. Er war für mich Aufklärer und Geschichtslehrer, von ihm hörte ich 1972 das erste Mal den Rudi Schulte und etwas über Kommunisten, einige Jahre später lernte ich von ihm, dass man die roten Hähne nicht zu früh flattern lassen darf.
In den Kneipengesängen der 70er hatte ich meist die einfacheren Songs von ihm drauf und erblasste vor Neid, wenn einer die "Befragung eines Kriegsdienstverweigerers" singen konnte, und zwar auswendig. Als Ende der 80er vor dem eigentlichen Mauerfall der ideologische Mauerfall durch Gorbatschow vollzogen war, schrieb er eines der für mich wichtigsten und schönsten Lieder. Eine Lobeshymne auf alle, die weitermachen für unsere Sache: "...Ob das so kommt und ob das so geht, das weiß ich nicht mehr, ich sing nur dies Lied.
Doch ohne die, für die ich es sing´, hätt´ alles kein Sinn."
Werner Lutz

Ein Freund und Genosse
Franz Josef Degenhardt gehörte zu jenen Persönlichkeiten, von denen man den Eindruck hat, sie werden nie älter, auch weil sie so brennend aktuell in ihren Aussagen sind. Es ist fast zeitlos, was er geschrieben und gesungen hat. Es bleibt zeitlich, bis endlich auch in diesem Land die Verhältnisse zum Tanzen gebracht werden. Sein Anliegen war es vor allem für eine sozialistische Zukunft zu streiten.
Unsere Kontakte ergaben sich nicht nur daraus, dass wir im gleichen Landkreis lebten, sondern vor allem aus der über viele Jahre engen freundschaftlichen und politischen Beziehungen zu meinen Eltern. Gemeinsam haben wir in der Zeit der Berufsverbote gekämpft, um Lehrerinnen und Lehrer, Angestellte im öffentlichen Dienst oder auch bei der Post zu unterstützen, damit deren verfassungsmäßige Rechte durchgesetzt werden konnten. Karratsch unterstützte die Bewegung zur Befreiung von Angela Davis, diese weltweite Bewegung hat ihr Leben gerettet. Die völkerrechtliche Anerkennung der DDR hat er gefordert. Viele gemeinsame Aktionen zur internationalen Solidarität hat er mitgestaltet. Er konnte den Sieg des vietnamesischen Volkes über die USA mit uns seinen Genossinnen und Genossen feiern. Wo es notwendige Aktionen gegen Nazis gab, war er dabei.
Wegen der Zusammenarbeit mit Kommunistinnen und Kommunisten, wegen seiner politischen Positionen geriet er mit SPD-Verantwortlichen in Konflikt. Gegen ihn wurde ein Parteiordnungsverfahren bis hin zu einem Ausschluss organisiert. In dieser Zeit wurde er Mitglied der DKP. Dass er einer von uns ist, darauf sind wir stolz.
Seine Lieder, Bücher und die Diskussionen, die wir miteinander führten, bleiben auch deswegen in meinem Gedächtnis, weil sie viele Anregungen zum Nachdenken und zum Überprüfen von Positionen forderten. Sie waren auch Anregungen zum Handeln.
Karratsch musste einen hohen Preis zahlen für seine Mitgliedschaft in der DKP. In öffentlichen Medien fand er kaum noch statt. Antikommunismus schlimmster Form prägte manche öffentliche Darstellung. Da war es wohltuend, dass er den Kulturpreis des Kreises Pinneberg bekam. Es war die einzige Veranstaltung dieser Art, an der ich als Vorsitzender der DKP teilnehmen konnte. Da das Votum für die Verleihung des Preises einstimmig war, kann man davon ausgehen, dass diese Auszeichnung der hohen Wertschätzung und der öffentlichen Anerkennung entspricht, die er tatsächlich hatte. Die Nachrufe und Würdigungen jetzt belegen diese Vermutung.
Vor einiger Zeit haben Genosse Herbert Offermanns und ich Karratsch besucht. Auch dieses letzte Treffen war ein bleibender Eindruck. Kämpferisch, solidarisch, und an der Entwicklung der DKP interessiert, erlebten wir ihn. Mit seiner Frau Margret genossen wir die Zeit in Quickborn. Auch dieser Kontakt mit ihm gibt uns Kraft und Zuversicht. Wir spürten Wärme und Zuneigung unter uns Genossinnen und Genossen.
Heinz Stehr

Er sang schon deutsch und denkend als beides noch als undenkbar galt. Das mit dem Deutsch ist seither häufiger geworden. Dennoch erinnere ich mich an keinen deutschen Liedertext, der so eindrückliche Bilder in meinem Kopf erzeugte, wie es vieler seiner Texte tun. Sie können Herzen erfreuen und brechen. Sie können aus Hören Empfinden machen. Noch 100 Jahre lang.
Schmiddl für die Oma Körner Band

Mit Franz-Josef Degenhardt verlieren wir Kommunistinnen und Kommunisten einen treuen und unbeugsamen Kämpfer und die deutsche Kulturszene einen ihrer bekanntesten, beliebtesten, engagiertesten und wichtigsten Künstler, der vor allem als Liedermacher über Jahrzehnte hinweg eine Vielzahl von Kunstschaffenden inspiriert und die musikalische Landschaft in Deutschland geprägt hat. Aufgewachsen als Kind kommunistischer Eltern habe ich bereits Anfang der 60er Jahre die Musik von Franz-Josef kennen und lieben gelernt. Seine Lieder haben mich auch in all den folgenden Jahrzehnten, zunächst als junger SDAJler und später als DKP-Mitglied, nachhaltig beeindruckt und mich immer wieder in der Gewissheit bestärkt, auf der richtigen Seite zu stehen und für die gemeinsame gerechte Sache zu kämpfen. Seine Songs, seine treffsicheren und scharfzüngigen Texte haben mir immer aufs Neue Mut gemacht, mich gemeinsam mit meinen Genossinnen und Genossen gegen Ungerechtigkeiten in diesem Lande zur Wehr zu setzen und Missstände anzuprangern. Letztlich waren es linke Kulturschaffende wie Franz-Josef Degenhardt, die mich dazu gebracht haben, ihrem Beispiel zu folgen und selbst musikalisch tätig zu werden. Für diese Ermutigung, die Kraft und Zuversicht, die mir "Väterchen" Franz während der letzten Jahrzehnte durch sein künstlerisches Schaffen vermittelt hat, bin und bleibe ich ihm zutiefst dankbar.
Dirk Wilke von Rotdorn

Ein Abschiedsgruß kommt aus Idar-Oberstein, wo Franz Josef gern zu Gast war. Was wäre ich als Liederinterpretin ohne solche Texte und Melodien wie er sie und seine Liedermacherkollegen geschrieben haben. Politisch aktuell, bissig, philosophisch, poetisch, humorvoll.
Seine Lieder werden uns weiterhin begleiten. In Dankbarkeit
Sonja Gottlieb

1971, München. Eine große Bühne, ein kleiner, kompakter Mann mit Gitarre. Zwischen den Liedern steht er auf, dreht eine Runde um den Hocker, auf dem er saß, setzt sich wieder und macht weiter. Der Beifall scheint ihn nicht zu berühren, und doch spürt jeder im Saal, dass dieser Mann für ihn singt, ihn erreichen will. Wie auf Kupfer gestochen sind seine Lieder, die Worte, die Noten. Unvergesslich seine Figuren: Horsti Schmandhoff, die Schmuddelkinder, die rote Mathilde, der Rudi ... Zwischentöne sind nur Krampf im Klassenkampf? Wie viele wunderbare Zwischentöne hat Väterchen Franz uns gegeben! Auch wenn jetzt der Tod ihn uns entzogen hat, und wir seinen 80. Geburtstag nicht mehr feiern können: Lasst uns zusammenkommen am Tisch unter Pflaumenbäumen und ihn feiern! Denn es bleibt, wie er gesungen hat: Unsere Sache steht nicht schlecht!
Jane Zahn

Hallo Väterchen Franz, wenn Du wüsstest, wer alles Nachrufe über Dich verfasst hat von "junge Welt" bis "Bild" . Du würdest Dich wundern. Und alle schreiben voll Respekt, selbst die, die früher Deine ärgsten Feinde waren. Das zeigt uns, die wir Dich vermissen werden: Väterchen Franz ist zwar tot - aber es lebe Väterchen Franz! Deine Lieder werden noch gebraucht - Es grüßt Dich Einhart Klucke