Kolossale Chose:

Fehse, Wolfgang

fehseWolfgang Fehse wurde 1942 als Sohn einer Unternehmertochter / Schauspielerin und eines Bauernsohnes / Journalisten / Soldaten in Nürnberg geboren und wegen der Bombardierung bald in einen Vorort Berlins gebracht. Auch dort fielen Bomben, Kriegserinnerungen sind: Nächtliches Gewecktwerden, Hektik, Angst, Runterrennen zum Keller, brennende Häuser, Qualm, eine aufgerissene Kellerwand, Leute mit Eimern, die löschen.
Der Vater „fiel“ 1943 in Jasnogorodka (Lichtstädtchen) am Dnjepr, exakt in der Mitte zwischen Kiew und Tschernobyl.

Bereits mit drei (!) Jahren, kurz nach dem „Zusammenbruch“, feierte Wolfgang Fehse einen Bühnenerfolg: Die Schmierentruppe seiner Mutter tingelte für Lebensmittel über die Dörfer; in einer Spielpause schob er
den Vorhang beiseite und streckte dem Publikum die Zunge raus: Befreites Gelächter.

Als hätte man noch nicht genug gehabt von Macht und Unterwerfung, war die Nachkriegserziehung autoritär und hart. Im Stiefvater steckte ein Nazi, in der Mutter steckte die Verzweiflung wie die Unerbittlichkeit des Geldes.. Doch völlig austreiben, obwohl es eine Zeitlang danach aussah, konnte man dem Jungen weder die Eulenspiegeleien noch den kritischen Verstand.

Dies bewies sich (nach abgebrochenem Architekturstudium) in seiner ersten Erzählung „FÜR EINE WEINBERGSCHNECKE“, die er im Charlottenburger Kulturkeller DAS MASSENGRAB (Klaus M. Rarisch) las und die dann 1964, in der west- und ostberliner Autoren versammelnden Anthologie „BERLIN ZUM BEISPIEL“, hrsg.  von Hannes Schwenger,  erschien. Diese Geschichte lässt einen höheren Nazis seine Rechtfertigung zelebrieren. Beachtet wurden auch Kritiken einer Lesung aus dem Kurzroman „DER TROTTEL ERSCHEINT AUF DER RUINE“ in der Kreuzberger GALERIE VERNISSAGE (Horst Rückbrodt) 1965; sowie Fehses literarisch-satirische Zeitschrift SODOM & GOMORRHA, illustriert von Grützke, Ackermann, Mühlenhaupt, Gorella, Ruppik u.a.  Ingeborg Drewitz holte Fehse in den Berliner Schriftstellerverband.

Auch sein zweites Studium (Theaterwissenschaften) brach Wolfgang Fehse ab. Als echter neurotischer Unternehmerenkel zog er es vor, in den Lago-Maggiore-Cafes Beine und düstere Gedanken hochzulegen, bis es ihm auch dort recht ungemütlich wurde.  Er heiratete in Berlin und wurde 1970 geschieden. Er arbeitete als Taxifahrer und Erzieher und beendete eine Ausbildung als Sozialarbeiter. Gelegentlich veröffentlichte er in Zeitschriften und Anthologien.
Die Siebziger Jahre sahen ihn auch in verschiedenen linken literarischen und anderen Gruppen, die Achtziger Jahre im kleinen,durch Deutschland tingelnden ZIRKUS LAPSUS  (als Kettensprenger) und in einem Clownstheater in der Pfalz als Autor und Geiger.

Die größte Vernunft-Tat in Fehses Leben war, dass er - aus guten Gründen - nach dem Tod seiner Mutter 1985 das geerbte Vermögen fast vollständig kulturellen und sozialen Projekten vermachte; das antipsychiatrische WEGLAUFHAUS in Berlin arbeitet noch heute, seine Mitarbeiter geben ihr Bestes, die durch Umstände und „Erziehung“ Ver-Rückten bei der Rückgewinnung  ihres Selbstvertrauens - psychopharmakafrei - zu unterstützen.

1982 erschien Fehses erstes Buch (eher ein Büchlein): „UNGLAUBLICHES AFFENTHEATER“. Darin werden Touristen, kaum dass sie die Insel betreten, zu Primaten; auf dem Höhepunkt ihres Urlaubs machen sie sich fein und besuchen ein richtiges Affentheater.
1986/87 wurde Fehses Stück „DAS GERÄT“ nacheinander vom BERLINER VOLKSTHEATER (Helmut Otten) und in einer furiosen Inszenierung vom THEATER DER AUTOREN (Volker Lüdecke) gespielt.  Im Berliner LABYRINTH VERLAG fungierte Wolfgang Fehse als Titelgeber und Mitherausgeber der Zeitschrift: „RENNTAG IM IRRGARTEN“.

In den Neunziger Jahren veröffentlichte er einige meist bibliophil gestaltete, illustrierte Bücher (Prosa, Gedichte), u.a. „DAS LOCH IN DER MITTE DES KUCHENS“ (Grafiken: Hugo Hoffmann),  „DER DICKSTE HUND“ (Grafiken: Walter Koschwitz), „DER BERGRUTSCH RUFT“ Grafiken: Silke Kruse), „DER TEPPICH ZUM GLÜCK“, „MITLESESBUCH 6“ (Grafiken: Karin Nawim Kley), „11 KLEINE LIMERICKS“; in edler Aufmachung erschien eine Mappe mit seiner Geistergeschichte „DER TURM“ (Radierungen: Jochen Stücke). Zu verschiedenen Anlässen (Lyrikfestival Montenegro, Schriftstellertreffen Belgrad) wurden seine Gedichte ins Jugoslawische übersetzt und auch ein Preis verliehen.

Im Laufe der Jahre las Wolfgang Fehse an vielen, auch ungewöhnlichen Orten (wie im Gefängnis, in der Psychiatrie oder auf einem Schiff) aus seinen Arbeiten.

2002 erschien die Publikation „DIE BUNKER BEI PORT DE MIRAMAR“. Der Künstler Gerhard Haug hatte an der Cote Azur deutsche Bunker des Zweiten Weltkriegs fotografiert, zu den Bildern schrieb Wolfgang Fehse die  Texte; die Arbeiten wurden in zwei Ausstellungen in Rehlingen-Siersburg und Merzig (beide Saarland) gezeigt.

2005 und 2009 wurden zwei Theaterstücke Wolfgang Fehses: „SEHNSÜCHTIG GRÜßT DER, DER ICH BIN, DEN, DER ICH SEIN KÖNNTE“, eine Kaspar-Hauser-Adaption, und „LEICHT VERDIENTES GELD“ in szenischen Lesungen vorgestellt.

2010 schließlich erschien im KULTURMASCHINEN VERLAG  Fehses Roman: „KARNEVAL IN X oder DIE MACHT DER POESIE“. Am Schluss des  Interviews, das als Podcast auf der Homepage des Verlags zu hören ist (Interviewer: MICHAEL Z.), darf Wolfgang Fehse sich ein aus dem See springendes, drei Wünsche freigebendes Fischlein imaginieren. Fehse wünscht sich 1., dass die Unverstelltheit der Kinder erhalten bleibt und auch von den Erwachsenen übernommen wird, 2., dass die entsetzlichen Kriege zwischen Menschen und Völkern aufhören, und 3., dass er seinen kleinen Beitrag dazu leisten kann.

Wolfgang Fehse: Karneval in X
12,80 € (inkl. 7 % MwSt.)
Wolfgang Fehse: Karneval in X
Mit großer Erzählkunst schildert uns der Autor verwirrende Begebenheiten, zeigt uns Unwirklichkeiten auf wirkliche Weise auf.
[Produktdetails...]