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Martin Ahrends: Ich sehe eine Krähe
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Martin Ahrends: Ich sehe eine Krähe

Autor(in): Ahrends, Martin
Preis pro Einheit (Stück): 10,80 € (inkl. 7 % MwSt.)

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Zwei Trinker haben die fantastische Idee, den „Wilden Osten“ touristisch zu vermarkten.
Socke und Locke trinken regelmäßig Büchsenbier am Marktplatz einer ostdeutschen Kleinstadt. Dabei entwickeln sie trunkene Geschäftsideen. Locke, ein DDR-Diplom-Philosoph, ist der Ideenspinner. Socke, ein Major der Volksarmee, führt aus, was Hirngespinst hätte bleiben sollen Er gibt Annoncen auf fürs Abenteuer „Wilder Osten“. Als sich daraufhin wirklich ein Gast anmeldet, bauen die Beiden ein Sprungbrett auf den alten Schlot, den man bislang noch nicht zu sprengen wagte. Für den nächsten Adventure-Touristen haben sich die beiden Trinker etwas Neues ausgedacht: Er darf einen leerstehenden Neubaublock in die Luft jagen …

Leseprobe

Ich könnte jetzt in allen Einzelheiten schildern, wie die Beiden versuchen, den Betonstein nach oben zu hieven und es schließlich schweißnass aufgeben, könnte schildern, wie sie mit dem Brett mehr Glück haben, weil es leichter ist, Locke sich aber schwer tut, das lange Ding auf den Schlot zu bugsieren und hernach das mit seiner schon vorhandenen Schlinge ums Brett geschlungene endlos lange Seil im Schornsteininneren verschwinden zu lassen, wo es sich allein als gewichtig genug erweist, das Brett mit seinem zwar beidseitigen, aber doch, um des Eindrucks eines Sprungbrettes willen nach einer Seite hin tendierenden Überstand fest zu halten. Zumindest bei Windstille. Ich könnte auch berichten, wie Locke nach getaner Arbeit lange versucht, seine doppelte Sicherung wieder zu lösen, schließlich den angeknoteten Gürtel öffnet, ihn aus der Hose zurrt und ohne ihn absteigt. Aber dies hier ist kein Film. Ihr müsst euch das schon selbst ausmalen, wenn ihr es sehen wollt. Viel Farbe braucht ihr nicht, denn es ist Nacht. Und das Licht, das trotz der Nacht da oben ist, kann man nicht sehen. Es ist in Locke. Er ist innen hell. In dieser Nacht ist er lebendig, wie er lang nicht mehr gewesen ist.

Über den Autor

Martin Ahrends, Jahrgang 1951, wuchs in Kleinmachnow bei Potsdam auf. Nach dem Abitur studierte er Musik, Philosophie und Regie in Ost-Berlin und war dann als Musikredakteur für eine Zeitschrift und als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Komischen Oper beschäftigt. 1984 reiste er aus der DDR aus. Grund war ein politisch begründetes Arbeitsverbot. Er zog nach Hamburg und war dort von 1986 bis 1994 Redakteur und freier Mitarbeiter der Wochenzeitung DIE ZEIT.
Würdigungen (Auswahl)
Hamburger Förderpreis für Literatur 1991
Stipendium Künstlerhaus Schloß Wiepersdorf 1992 und 1995
Arbeitsstipendium der
Stiftung Kulturfonds Berlin 1993, 1997, 2001, 2003
Stipendium des Deutschen Literaturfonds 1995/96
Alfred-Döblin-Stipendium 2006
Stipendium Künstlerhaus Willisau (Schweiz) 2008
Literaturpreis Villach (Österreich) 2011