Nackt

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5 Menschen
5 Schicksale
1 Stadt
5 Monologe
5 Dialoge mit dem Leser

Nackt

5 Menschen am Rande der Gesellschaft. 5 Leben außerhalb der gesellschaftlichen Norm. Bruchstücke. Schnappschüsse. Winzige Fragmente. Das Leben ausgebreitet in Monologen, die zu Dialogen mit dem Lesenden werden.

Beschreibung

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5 Menschen
5 Schicksale
1 Stadt
5 Monologe
5 Dialoge mit dem Leser

Nackt

5 Menschen am Rande der Gesellschaft. 5 Leben außerhalb der gesellschaftlichen Norm. Bruchstücke. Schnappschüsse. Winzige Fragmente. Das Leben ausgebreitet in Monologen, die zu Dialogen mit dem Lesenden werden.

Leseprobe

1. Nacht (Dienstag — Mittwoch)
Sie würden denselben Mond sehen, doch wenn sie ihn sähen, wäre es in ihren Augen nur der gleiche. Sie könnten hören, dass die Stadt auch nachts nicht zur Ruhe kommt, selbst wenn es ruhiger wird. In ihren Träumen wimmelt es von Menschen, Tieren, Ungeheuern, und sie sind doch einsam, auch wenn sie im Bett nicht allein sind.
Der Wind kennt keine Vergangenheit, denn ungestüm erobert er die Zukunft, und der Regen, sich in der Gegenwart verlierend, keine Zukunft. Die ungleichen Zwillinge der Zeit geistern durch Paläste und Hütten, Kneipen und Absteigen. Die Zwei gespenstern in den Straßen und Hauseingängen, machen unter Brücken halt. Sie quälen Inez, die ein Klo nach dem anderen putzt, und weder Augen für den Mond, noch Ohren für die Stadt hat. Volker treiben sie wieder und wieder zum Fenster, durch die Wohnung von Zimmer zu Zimmer, lassen ihn angstvoll auf die Stadt hören. Er sehnt sich nach Schlaf, doch Vergangenheit und Zukunft sind nicht barmherzig. Erst kurz vor Morgengrauen werden ihm erschöpft die Augen zufallen.
In der sozialtherapeutischen Wohnanlage gluckst Anna im Schlaf, erkennt die zwei Quälgeister nicht und möchte mit ihnen spielen. Beleidigt ziehen die Zwillinge weiter, immer weiter, durch Schlaf- und Wohnzimmer, Bordelle und Beichtstühle. Allein um den Schnarcher auf dem seidenen Laken machen sie einen Bogen, er ist Politiker im Wahlkampf, und bedient sich ihrer am Tage virtuos.
Bei den Obdachlosen unter der Brücke halten die Unzertrennbaren sich schadlos. Bis auch das letzte Quäntchen Hoffnung ertrunken ist.
Das Leben
Anna sitzt auf ihrer Bank. Die Bank ist ihr Lieblingsplatz. Sie hat noch andere Lieblingsplätze, aber die Bank gegenüber der Rutsche mit dem roten, runden Holzmützengiebel ist ihr Lieblingslieblingsplatz. Jedenfalls heute. Nicht immer sitzt Anna auf ihrem Lieblingslieblingsplatz.
Manche Mütter haben Angst und schimpfen Anna fort. Nur die traurige Frau ohne Kinder, die manchmal still im Schatten auf der Bank bei der Sandkiste hockt, sagt nie ein Wort.
Die Kinder mögen Anna. Sie erzählt lustige Sachen und macht komische Gesichter. Jetzt ist der Spielplatz nahe der U-Bahn Station verlassen. Nur Anna sitzt auf ihrem Lieblingslieblingsplatz, der Bank gegenüber der Rutsche. Auf den Blättern der Bäume tanzt die Sonne, die Sandkiste ist ein Wellenmeer.
Anna sprudelt die Worte aus sich heraus. Wie lachende Luftblasen steigen sie in die Welt.
»Wasserkocher. Pferd. Pferd. Wasserkocher.«
Die Worte schweben über den Spielplatz.
»Wasserkocher fährt. Fährt Wasserkocher.«
Sie drehen sich, trudeln, treiben, schlagen Purzelbäume, erreichen
die Baumwipfel.
»Pferdewasser kocht. Wasserpferd kocht. Kochpferd wassert. Wasserkocher. Pferd fährt.«
Der Spielplatz schrumpft, die Worte küssen die Wolken.
»Fährt Kochwasser. Wasser kocht Pferd. Pferd kocht Wasser. Kocht Fährwasser. Wasser. Pferd. Kochwasser.«
Die Worte steigen höher und höher. Und höher. Sie tragen Annas Lachen in die Welt. Vielleicht sogar bis zur Sonne. Mindestens bis zur Sonne. Anna lächelt. Sie lächelt laut. Mit geneigtem Kopf klärt sie auf. »Pferd hat einen großen Kopf. Und lang. Pferd denkt nicht im Kreis. Pferd denkt oval.«
Sie wiegt ihren Kopf nach rechts und links. Nach rechts und links. Der Schatten auf der blanken Rutsche leistet ihr Gesellschaft. Er neigt sich von links nach rechts. Der Schatten beginnt zu tanzen. Anna hält inne. »Wasser denkt wie Tropfen. Wasser kocht, denkt schneller. Verdenkt sich Kochwasser. Pferd wassert.«
Sie lacht nicht. Es ist ihr ernst.
In ihrer winzigen Küche ihrer Wohnung im sechsten Stock legt Inez den Wischlappen beiseite. Penibel zu einem Quadrat gefaltet schiebt sie ihn zur Spüle. Ihr Blick streift die flackernde Kerze vor der Madonna. Kurz hält sie inne. Die Madonna strahlt Ruhe und Frieden aus. Inez lächelt zurück.
»Familie ist wichtig. Zuhause haben wir zu acht in zwei Räumen gewohnt.«
Das Geschirrhandtuch hängt sie auf den Haken am Kühlschrank.
»Da gab es kein eigenes Bett. Nicht für die Kinder. Wir hatten ein Bett zusammen. Als wir größer wurden, mein Papa baute die Betten übereinander. Die Jungen eines und die Mädchen eines. Die Kleinen schliefen zusammen.«
Sie rückt die zwei Plastikstühle am Küchentisch zurecht.

Autor_in

Autor_in

Sven J. Olsson

Sven J. Olsson ist Hamburger by nature und Weltenbummler aus Passion. Er hat im Theater auf, hinter, vor der Bühne alles gemacht, was man machen kann. Seit 2008 schreibt er Reiseberichte, Satiren, Romane und Theaterstücke, wie das Bollywood-Musical "Die mute Kanhar De", die Komödie "Heckenschnitt" oder die Dramatisierung des Romans "Müller -- Chronik einer Sippe" von Walter Mehring.

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