Bachmanns Biedermeier

Wie fang ich an – fuhr ich doch neulich Richtung Klagenfurt, in meinem Rucksack einen Text, zu lesen auf dem Bewerb, aber es war gar nicht der Text, der eingeladen war, um die Wahrheit zu sagen, hatte man mich gar nicht eingeladen, aber warum eigentlich nicht? Wollte Ich? Freunde haben mich gefragt, was daran schön sein soll, sich von mehreren Leuten gleichzeitig beschimpfen und runtermachen zu lassen. Schön ist das vielleicht nicht, aber als alleinerziehende Mutter bin ichs gewohnt, sage ich, und ich habe auch gerade ein Ehrenamt abgegeben, vielleicht brauche ich bisschen Erniedrigung.

Da fahre ich also, mit einem wahnsinnig relevanten Text, der aber gar nicht der Text ist, der eingeladen war, und als ich das verstand, da hatte ich einen Lauf, es floss mir nur so aus der Feder, ich weiß jetzt nämlich, was es braucht, um den richtigen Text in der Tasche zu haben, fast egal, welchen Juror oder welche Jurorin ich da frage, ich streue einfach.

Bei Bachmann biedermeiert es ganz fleißig. Nichts zu hören von Kriegen, Militarisierung und Flucht und Armut und Zerstörung der Natur und den neuen Faschisten. Wir müssen leider draußen bleiben aus der lieben bürgerlichen Welt, in der man selbstverständlich auch existentiellen Kummer hat, aber anständig und in Maßen.

Also, nächstes Jahr schicke ich – die erste Geschichte, die mir eingefallen ist, ist die von meinem Zahn. Ich habe nämlich schrecklicherweise, und das ist wirklich wahr, ich kann den Zahn vorzeigen, wenn ich lese, kürzlich meinen ersten Zahn verloren – und ich meine nicht Milchzahn. Es wird eine schlimme Geschichte, der fehlende Zahn hinterlässt ein bedrohliches schwarzes Loch, ein feindliches Gebiet mitten in den stabilen Reihen, mitten hinter der geraden Front –da lockt mich die Implantationsklinik mit ihrer makellos weißen Webseite, gerade so, wie mein Zahn vor wenigen Jahren noch war und nun wieder wird. Ich bekomme ein strahlendes Lächeln, mit Foto, 5 Sterne Foto, kostet eine Stange Geld, darum will ich halt auch gewinnen.

Zweite Geschichte geht so: Meine Erbtante stirbt, nächste Erbtante auch, und ein zahmes Schaf und ein weißer Pfau. Keiner von ihnen vererbt mir was. Ich fahre trotzdem zurück ins Dorf meiner Kindheit, wo die beiden Tanten sowieso nie gewohnt haben, und da kaufe ich mir eine Fleischwurst und eine Flasche Wein und bin ziemlich traurig. Guten Morgen, Mainz-Hechtsheim! Rufe ich und stolpere schon halb betrunken in Geschichte drei:

Wie wir uns in der zwölften Klasse die Haare mit Henna aus Versehen total orange gemacht haben, also vor allem ich, denn die anderen beiden waren brünett. Und obwohl ich durch meine Pumuckl-Haare schon dermaßen auffällig war, habe ich eins draufgesetzt und meine Zigaretten im Unterricht gedreht, verbotenerweise. Klar musste ich daraufhin wenige Jahre später in dieser Dachwohnung landen, mit Bleileitungen und plüschigen Staubflocken auf dem Heizungsrohr. Das Dach ist nicht isoliert, das Klo auf dem Gang, im Sommer 50 Grad  – sowas kommt von sowas.

Für Geschichte vier werde ich eine sehr dünne Freundin von mir nach Klagenfurt schicken müssen, denn wenn die Autorin selbst nicht sehr dünn ist, wäre es selbstverständlich unglaubwürdig, dass sie darüber schreibt: Ich bin das dünnste Mädchen aus der Klasse, oder beinahe, denn meine beste und einzige Freundin, mit der ich allein aus diesem Grund befreundet bin, ist tatsächlich noch ein wenig dünner als ich. Wir haben so schlechte Zähne, dass wir allein deswegen gar nichts essen mögen, und wenn wir eine Zuckercola trinken, schämen wir uns und verraten es keinem anderen. Das tun wir heimlich in den Pausen auf dem Klo. Nachts gucken wir GNTM, am liebsten die alten Folgen mit den sehr dünnen Frauen, die zeigen, wo bei ihnen überall die Knochen rausstechen. Ich habe neulich von einem Obdachlosen ein Brötchen geschenkt bekommen, gegessen habe ich es natürlich nicht. Ich schätze mal, meine Mutter ist schuld, denn die hat weder vom Essen noch vom Zähneputzen jemals viel gehalten, und davon abgesehen sind Mütter immer schuld, sogar am schlechten Wetter.

Geschichte fünf, Fantasy-time. Doreen ist eine sehr reiche und super gelangweilte ostdeutsche Prinzessin. Ihr Mann würde alles tun, damit sie sich ein kleines bisschen weniger langweilt, darum bringt er ihr eines Tages einen bildschönen, gut erhaltenen Proletarier aus dem Ruhrpott mit. Ronny, so heißt der Knabe mit der schmucken 80er Jahre Fönfrisur, nach Ronald Reagan übrigens, erzählt er, genau wie Cristiano Ronaldo, Ronny tut für Geld alles. Vorsicht! Hier kommt es zu schmutzigem, käuflichen Sex! Aber nein, ganz so schlimm erzählen werde ich nicht, denn Doreen, die Prinzessin mit dem großen goldenen Herzen, verliebt sich Hals über Kopf in den schönen Ronny und schlägt ihm (klassisches Happy End) eine einträgliche Heirat vor. Ronny zögert, er ist im tiefsten Innern ein einsamer Cowboy und gar nicht wirklich käuflich. Wird er sich auch in Doreen verlieben? Liebe Zuhörer, ich hoffe sehr.

Wo wir schon bei der Liebe sind, folgt die realistische Geschichte sechs. Sie handelt von den Schwierigkeiten meiner Söhne, damit klarzukommen, dass mein neuer Lebensgefährte nicht nur älter als ich, sondern auch noch hetero ist. Langweilig! Gut, ich gebe ihm eine große Wohnung und ein schnelles Auto dazu und eine Privatinsel und eine geheimnisvolle Herkunft und mir Depressionen, okay? Passt.

Die letzte Geschichte, die ich nebenbei besonders gern habe, ist die mit der Sportkarriere. Ich habe insgeheim schon immer geträumt, eine illustre Sportkarriere zu machen, als Zehnjährige habe ich mit dem Beckenbauer-Plüschball trainiert, aber als geheimnisvolle verlassene Sportstätte kommt mir, Reise ins Heimatdorf, der Minigolfplatz im Mainzer Stadtpark in den Sinn. Was haben wir jungen Talente da unsere Tage herumgedrückt, mit Bleistift, Kärtchen und Minigolfschläger! Und wie wunderbar konnte man dokumentieren, dass man diesen oder jenen Ball mit einem einzigen Schlag versenkt hatte. Wenn nämlich keiner guckte. Beginn der Autofiktion. Wie Harriet, die kleine Detektivin, pirsche ich mich an den verwitterten, vermoosten, überwachsenen Platz heran. Verlassen und öde liegt die Stätte meiner schönsten Erinnerungen. Sport und Bildung! Mens sana in corpore sano!

Es drängt mich zur Niederschrift! Hoch lebe das Biedermeier!

Christine Sterly-Paulsen

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