Riccarda Gleichauf: Aussichten einer Empfangsdame
Verlag NeuWerk, 14/24 Euro
Gute Literat:innen sind Seismografen der Gesellschaft. Sie zeigen Stimmungen, Prozesse und Umbrüche der Arbeits- und Lebenswelt ihrer jeweiligen Gegenwart auf. Im Bereich der Arbeitswelt könnten drei Autor:innen dafür als Beispiele stehen: Émile Zola (Das Paradies der Damen), Maria Gleit (Abteilung Herrenmode) oder Max von der Grün (u. a. Irrlichter und Feuer, Vorstadtkrokodile). Riccarda Gleichauf schließt sich mit ihrem ersten Roman dieser Tradition an: SIE (die namenlose Empfangsdame) sitzt im Foyer des Bürogebäudes. Die Angestellten defilieren an ihr vorbei, führen Smalltalk oder übersehen SIE. Es sollte nur ein Job sein, zum Einstieg nach dem Studium. Schlecht bezahlt, ohne Perspektive sitzt SIE da, ist Teil des Hauses, nicht Teil der Arbeitenden. Mittendrin, aber doch außen vor, beobachtet SIE. Große Dramen, stumme Verletzungen, Ränke und Demütigungen reihen sich aneinander, verlieren sich in der Hektik der Arbeits- und Lebenswelt.
Riccarda Gleichauf erzählt, wertet nicht, zeigt die Alltäglichkeiten dieses kleinen Kosmos‘. Und gerade damit entzaubert sie so manch glänzende Fassade unserer Welt. Das und die schlichte, gradlinige Erzählweise hat mich für diesen Text eingenommen. Weil er Echokammern schafft für erfahrene prekäre Lebensetappen von Freund:innen und von mir, weil aktuelle Wirtschaftsdebatten gerne das zementieren, was hier zerbröselt. Ein gelungenes Buch unserer Zeit, das Lust macht auf zukünftige Texte der Autorin. [Björn Siller]
aus dem Wetzsteinbrief an die Kunden der Buchhandlung Wetzstein in Freiburg.
